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Monat: Mai 2022

Einsichten/Aussichten der Woche – 31. Mai 2022

 

  • Kommunismus und Kapitalismus sind ungleiche Brüder. Was sie trennt, eint sie in Wahrheit: die materialistische Grundführung. Das gleiche gilt für den wissenschaftlichen Ansatz der Moderne im Vergleich zum religiös fundierten Vorläufer. Das Animalische ist materialistischer Taktgeber seit Urzeiten, nur sehr langsam befreit sich die Menschheit aus dem engen Korsett.
  • Wer das Gemeinsame zwischen Streitenden nicht sieht, wird in den Streit eingesogen.
  • Es streiten immer nur Gleiche.
  • Ungleiche erkennen sich nicht.
  • Alles Trennende ist auf höherer Stufe eins.
  • Völlige Übereinstimmung führt zu Stillstand.
  • Freiheit ist nahezu gleichbedeutend mit Freihandel.
  • Menschenrechte gedeihen nur bei allgemeinem Wohlstand. Allgemeiner Wohlstand weicht ihre Bedeutung auf. Oszillation allenthalben.
  • Die deutsche Seele gefällt sich in Maßlosigkeit, als Regulativ dient ihre maßlose Regelverliebtheit.
  • Welche Regel gerade gilt, beschäftigt die Deutschen mehr als die Frage, wie sinnvoll es sein mag, sie zu befolgen.
  • Der Grund für die Maßlosigkeit der deutschen Seele liegt in ihrer prinzipiellen Offenheit. Alles erscheint ihr möglich, nichts ausgeschlossen. Es fehlt aber nicht nur an Prädeterminiertheit, sondern auch und vor allem am Gefühl für die zu lebenden Mittellagen, die das Dasein nach allen Seiten austarieren. In technischer und ökonomischer Hinsicht gilt gewöhnlich das gerade Gegenteil, doch kann auch dort Maßlosigkeit einziehen.

copyright 2022 alexander hans gusovius

Lyrik gegen links – 24.05.2022

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65. Geburtstag

 

An einem Morgen, nebelig durchsonnt,

Ward lyrisch mir die Welt vermacht.

Viel Lust und Last erbt‘ ich zur Nacht,

Die ich nicht halbwegs tragen konnt!

 

Prosaisch mittagsmüde, halb nur wach,

Ward ich rechtzeitig eingedenk,

Dass rohe Worte, ungelenk,

Auch wohnen unter Dichters Dach.

 

Gen Abend dann, noch kaum verschattet,

Ward mir manch Weltsinn offenbar:

Der Philosophen düstrer Schar

Sei lichte Botschaft abgestattet!

 

Des Nachts, in bange Träume eingehüllt,

Ward ich vom Genius angerührt:

Da wusst‘ ich, wessen Hand mich führt,

Wer schreibend dürstend Seelen füllt.

 

© 2022 alexander hans gusovius

 

Lyrisches Wesen – 17. Mai 2022

Einst

Noch nie war ich so verloren

Wie in der heutigen Zeit.

Einst fühlte ich mich geboren

Zu leben in Wesenheit.

Mir war da, als würde Bewusstsein

Erheben sein kündendes Haupt,

Zu errichten wissenden Grabstein

Auf dem, was man dunkel geglaubt.

Doch statt dem nahenden Glanze

Zu trauen, ward Finsternis geil,

Die, höhnend das strahlende Ganze,

Verdarb unser Seelenheil.

Es bleibet nur, Zwiespalt zu fachen

Und Arglist zu streuen umher,

Auf dass sich der giftige Drachen

Vom eigenen Gifte ernähr‘

Und daran bald selber vergehet.

Das ist mein heilig Begehr,

Damit ihr einst glücklich sehet

Der Wesenheit Widerkehr!

© 2022 alexander hans gusovius

Lyrische Orientierung – 10. Mai 2022

 

Nautik

 

Im arglistigen Sog des Komplotts

Verhaspele nicht den Faden,

Der die Untiefen des Lebens

Kartiert, stets dir Gewissheit verlieh.

 

Was du bist, stirbt sonst vereinsamt,

Bilder verriegelnd, Töne verhauchend,

Gefühle verkrümmend zu kalten,

Trügerisch wehen Momenten.

 

Jenen zitternden Kompass des Seins

Darfst niemals du missen. Denn

Was fassbar noch bleibt, wenn selbst

Träume verwehen, ist darin

 

Geborgen. Er allein weist den

Weg dir zurück in die neue

Mitte der Welt, ins blind schon

Gesehene, taubstumm zu sagende

 

Ungewisse Gewisse, in die

Chance des Elends, die Hoffnung,

Ins Quadrat neuer Rundung,

Zu dir selbst, Verhehltes zu sichten,

 

Ahnung zu härten, dass dir

Wohl wieder werde und weise du

Neue Erinnerung blütest:

Schöpfend dir Leben aus ewigem Quell.

 

© 2022 alexander hans gusovius

Zum 250. Geburtstag von Novalis – 2. Mai 2022

 

 

Die letzte blaue Blume

 

 Im vollen Tageslicht,

Wenn hellster Sonnenschein mir Glück verspricht,

Seh ich noch manches Mal die letzte blaue Blume stehn.

Es fällt mir schwer, an ihr vorbei zu gehn.

 

Wie oft hab ich die zarte Blume mir gepflückt!

Und jedesmal hat mich ihr blauer Schein verzückt.

 

Wenn Lieder klingen,

Und froh mein Herz mit euch im Takte schlägt,

Wenn sich in mir die Liebe aller Menschen regt,

Dann will ich euch die blaue Blume bringen.

 

Wie gern hab ich die blaue Blume euch gepflückt!

Wie selten hat ihr zarter Schein euch noch verzückt!

 

Im Sommerregen,

Wenn ich mein letztes Blatt hab liegen lassen,

Und in verwaschner Schrift uns Wort und Sinn verblassen,

Erkennt ihr einst der Blume Segen.

 

Und habt die letzte blaue Blume dann gepflückt!

Dann fühl ich mich besonnt, gesegnet und beglückt…

 

 

© 1988 alexander hans gusovius