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Lyrische Erholung 16.11.2021

 

Anderzeit

 

Das Geläute der Meute hallt durch den Wald.

Die Beute: sechs weißer Hindinnen Fell.

Elf Jäger folgen der Hunde Gebell.

 

Sieben zu häuten ist ihr Begehr. Da ruft

Der jüngste der Jäger voll Freuden:

„Weiße Hirschkuh voraus“! Und hebt sein Gewehr.

 

Die weiße Gestalt aber flieht der Gewalt.

Auf ihrer schwankend flüchtenden Kruppe

Krallt sich ins Vlies eine kindliche Puppe.

 

Da findet die Hindin im Fels einen Spalt.

Legt nieder das Kind zwischen welkendes Laub,

Im Moder zu finden bergenden Halt,

 

Und springt auf und davon. Doch schon knallt

Ein Gewehrschuss im Wald, der sie streckt.

In großen Strömen das Blut aus ihr leckt.

 

„Ho, ho, Horrido“, ruft der jüngste der Jäger,

Seines Schusses gewiss aufs weißblonde Vlies.

Doch als er sich nähert, wird sein Schritt immer träger:

 

Eine weißblonde Holde verblutet im Hain!

Und mit ersterbender Stimme sagt sie noch dies:

„Rette das Kind, sein Vater du bist…“

 

Der Jungjäger nickt, er weiß, wer sie ist,

Und findet sein Kind im Spalt hilflos liegen.

Nicht länger kann er die Tränen besiegen.

 

Er nimmt das Kind hoch, eine weißblonde Maid.

Sie herzend und drückend und weinend er spricht:

„Ich nahm dir die Mutter und muss dafür büßen!

 

Wie bitter wirst du mein Leben versüßen,

Ich sah, wie Hermines Augenlicht bricht.

Die mir alles gegeben, ich erkannte sie nicht!“

 

 

© 2021 Alexander Hans Gusovius

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