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Einsichten, Aussichten – 9. Juni 2021

  • Einsamkeit in der Kindheit ist notwendige Voraussetzung, um als Erwachsener nicht mit sich einsam zu sein.
  • Was tun, wenn einer weit zu schauen vermag, die Welt zu verstehen beginnt und sie kaum mehr erträgt: in dem er zu schwach ist, schon als Gott zu wirken, und zu stark, um nur Mensch zu sein? Ein Demiurg kann immerhin Stellhebel bedienen, muss sich den sehnsüchtigen Blick in die Ferne aber versagen – um des gesamten, göttlichen Plans willen.
  • Die hormonelle Liebesbegabung junger Menschen erschafft sich viele blonde Engel und schwarzgelockte Helden, jenseits der Realität. Wenn die wieder Einzug hält, sind die Engel faltig, die Helden ergraut – und aus jungen Menschen alte Menschen geworden. Viel Zeit bleibt also nicht für dynamischen Realismus!
  • Kafkas Amerika bleibt hinter den von ihm freigegebenen Texten weit zurück, weil es stilistisch nicht durchgearbeitet ist; was bei ihm mehr schmerzt als bei anderen Autoren. Die Handlung im wesentlichen eine Persiflage aufs 19. Jahrhundert, auf Goethe usw.: alles etwas unfertig, gewollt, noch nicht gelöst. Im weiteren Verlauf wird der Roman genauer, ohne weiterhin den Zenit kafkaesker Schreibkunst zu erreichen, besonders in der ausgreifenden Bewegung des Romangeschehens. Letzteres verhindert vor allem anderen die minutiösen, scharf konturierten, sezierenden Formulierungen, wodurch der Roman ziellos und leicht trivial wird, sich selbst kommentiert und beinahe pubertär anmutet, leider. Die ab und zu ansteigende sprachliche Dichte wird von szenischen Einfällen zunichte gemacht. Immer aber dazwischen ein fein gewirkter Satz, der zwar nicht versöhnt, doch entspannt.
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