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Monat: Mai 2021

Weiter denken – 26. Mai 2021

Frauen kommen stets auf den Punkt! Männer nur selten, sie neigen zu langweiliger Länge. Die Mehrzahl der vielen virtuellen Geschlechter überlegt noch, wer sie genau sind oder wie sie sein wollen. Bis dahin gilt:

Frauen kreisen bevorzugt um ihre innere Mitte, die seelische Konzentration erzeugt Bilder, Mythen, Legenden. Männer dagegen empfinden sich auf eine Gerade gestellt, die lineare Wahrnehmung tendiert zu Rechtecken, Fakten, Beweisen. Ihr monokausales Denken tut sich schwer, der weiblichen Assoziationsgenauigkeit gedanklich zu folgen, etwa im Folgenden:

Die Welt befindet sich in einem austarierten Gleichgewicht, zu jedem Zeitpunkt, weshalb aufeinander aufbauende Zeitpunkte in historischer Reihung eine Illusion sind. Alles ist in allem geborgen, jede Entwicklung jederzeit denkbar, Zukunft und Vergangenheit sind eins. Nur die ganz großen Phasen in Gestalt von Seelenräumen folgen aufeinander. Verliert da eine an wirkmächtiger Kraft, tritt eine andere an deren Stelle und speist sich geistig aus ihr. Insofern ist jeder Situation und Konstellation abzulesen, was aus ihr folgt, vorausgesetzt, man schaut die großen Zusammenhänge, in die sie eingebettet sind. Das Wissen darum ist die Grundlage jeder Religion und transzendentalen Philosophie.


Einfälle der Woche – 19. Mai 2021

  • Die allermeisten Besprechungen und Meetings erinnern an Szenen auf dem Hühnerhof: Gockeln, Gackern, großes Gehabe… Wenig Hirnsubstanz, staubiges Picken und Scharren – umso stolzeres Kopfaufwerfen beim kleinsten gefundenen Korn.
  • Der Schizophrene findet in seinen vorgestellten Welten jene Weite, die ihm in Wahrheit fehlt. Je enger sich der Kreis des Lebens um ihn zieht, je weniger er sich selbst noch wahrzunehmen vermag, desto näher kommt er dem schizoiden Ausbruch. Dann sucht er sich ein überdimensioniertes Bild außerhalb seiner selbst, auf das er sich beziehen, in dem er sich großgespiegelt fühlen kann: meist eines der überwölbenden Tätigkeit, der zu besiegenden Intrige, des prototypischen Menschen oder des bewegungsreichen Tiers. – Die Nähe zu nicht wenigen politischen Gestalten der Gegenwart ist augenfällig.
  • Den Arbeitskämpfen des 19. Jahrhunderts müssen dringend Arbeitgeberkämpfe folgen. Sonst ist das Recht auf Arbeit nichts mehr wert.
  • Man brauchte immer schon ein besonders feines Gehör, um die Töne der Zeit überhaupt zu erlauschen. Demnächst benötigt man es, um zu überleben.
  • Kunst ist nicht länger in kluger Gefühltheit zu erschaffen, das gelingt nur noch in gefühlter Klugheit.

Aphorismen der Woche – 10. Mai 2021

  • Um zu erkennen, wohin die Dinge sich entwickeln, muss man jene Bewegungen erkennen, die sich aus ihren inneren Antrieben speisen. Denn sie offenbaren das Entwicklungsziel: im Endbereich noch diffus, als Etappenziel bereits sehr klar.
  • Das Theater der Gegenwart ist nicht dem Kino und nicht dem Fernsehen zum Opfer gefallen. Es hat sich selbst zerstört. Parallel zur gesamten Kunst, deren politischer Anspruch letztlich suizidär ist. – Wie stets endet der Gang zu den Fleischtöpfen für Geistiges mit zwar vollem Bauch, aber leerem Kopf.
  • Geschlossene Denksysteme der Philosophie, Religion, Psychologie sind eine Art Freifahrtschein für Neurotiker. Sie finden dort ihre Lebenslüge tief begründet. Für Politisches gilt dasselbe, hier entfalten solche Denksysteme verheerende Wirkung.
  • Unserer geschichtliche Gegenwart, die wie keine andere zuvor die Chance bietet, über Generationen hinweg ohne Krieg, Hunger und frei von anderen humanitären Katastrophen zu leben, wird wie keine Zeit zuvor moralisch diskreditiert; ihr wird zutiefst misstraut. Dadurch wird erkennbar, wie wenig Gewicht man wirtschaftlichem Glück beimisst, während man es in vollen Zügen auslebt. In der Maßlosigkeit der verächtlichen Kritik drückt sich zugleich eine fundamentale Sinnleere aus: der wirtschaftliche Fortschritt findet im Geistigen keine Entsprechung. Vermutlich entspricht die Derbheit der kritischen Standpunkte letztlich der Grobstruktur wirtschaftlichen Wohlergehens…

Aphorismen der Woche – 4. Mai 2021

  • Zu krisenhaften Entwicklungen und Gewalt kommt es immer erst infolge etlicher Ungleichgewichte, gegen die nichts unternommen wurde. Die moralische Entrüstung ist dann billig, sie hätte vielfach vorher einsetzen dürfen. Unser Gegenwartsdeich bspw. hat gefährlich viele Löcher, die über lange Zeiträume hinweg gegraben wurden. Wenn er bricht, liegt es nicht allein an den Wühlern von heute.
  • Das Puppenhafte, Porzellanhafte der jungen Klima-Gesichter. Betriebsame Frische mit alten, müden Augen darin…
  • Geistiger Stillstand ist das Erstarren vor jenen weittragenden Konsequenzen, die man durch weiteres Schauen und Erkennen zu gewärtigen hat.
  • Das breitgestreute Erwachen des menschlichen Bewusstseins, christlich initiiert, doch erst ausgangs des Mittalalters vollzogen, wird überwiegend als Enttarnung, Desillusionierung, Demaskierung erlebt und verstanden. Man fühlt sich ausweglos überfordert und vermeint, jegliches sinnerfüllte, sinngeborgene Leben sei verloren. Genau daher rührt die stupende Destruktion als fortwährende Begleiterscheinung der so vieles positiv konstruierenden Neuzeit: ein unaufhörlicher Bildersturm, ein pubertäres Wüten wegen des Verlusts der kindlichen Naivität. Der Schritt ins vollgültige Bewusstsein steht mithin noch aus, was nicht zuletzt bedeutet, die negative Übermacht der bewussten Bilder zu bannen durch eine in die Tiefe gehende Schau ausgesuchter, seelisch wach empfundener Bilder.