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Zweiter Merksatz – 10. März 2020

Alle Kunst ist leidgeboren.

Nein, nicht die von documenta & Co, also keine blauen Leinwände oder mit Menstruationsblut „gemalten“ Bilder, so wenig wie jene theoretischen, kakophonischen Lautsequenzen, die man vergeblich zu Musik erklärt! Mag zwar sein, dass der Entstehung auch mancher dieser kopflastigen Werke irgendein Leid zugrunde liegt, passend wären hier Kopfschmerzen: doch ist das vom Merksatz weder erfasst noch gemeint.

Worum es hier geht, ist der Zusammenhang zwischen dem bedeutungsvollen, beispielhaften Sinnsuchen und -stiften in Leben und Werk, geboren aus der leidvoll erfahrenen Spannung, die zwischen gelebter Lüge und zu lebender Wahrheit anliegt. Und spricht man hier im Ergebnis von Kunst, so versteht sich von selbst, dass die im Werk komprimierte Bedeutung, gleichgültig ob mehrheitlich erfühlt oder erdacht, immer und ausschließlich dem Erleiden eines Individuums entspringt, das sich im schmerzhaften Kontrast zur Außenwelt abspielte und im künstlerischen Erschaffen des Werks bis hin zu seiner kollektiven Inbesitznahme heilende Wirkung entfaltet. Anders ist die Geburt, ist überhaupt die Existenz von Kunstwerken nicht zu denken.

Halten wir fest: Kunst lebt davon, dass sie ähnlich dem Entstehen von Diamanten unter extremem Druck in die Welt findet, und erhält hiervon ihren magischen Glanz und ihre höhere Bedeutung. Alles andere, wie oben angedeutet, ist billige Massenware und ohne lebensechten Wert. Denn so verhält es sich mit allem im Leben: Was etwas wert ist, wurde unter Schmerzen erworben.

Wenn wir in diesen Tagen erleben, wie leichtsinnig Werte verschleudert werden, die meist in leidvoller Mühe über lange Zeiträume hart erarbeitet, aber seit ein paar Jahren fast nur noch verhöhnt wurden, dann begreift man, dass die Relativierung und Destruktion der wahren Kunstwerke durch den Popanz von documenta & Co der Zertrümmerung der freiheitlichen Werte nicht bloß voranging, sondern sie planvoll ermöglichte – und dass jeder, der sich an solcher Entwertung beteiligte, aktiv oder passiv, damit die eigene Entwertung betrieb.

Anders gesagt: Wer glaubt, dass Kunst leichthin und gänzlich mühelos zu erschaffen sei, der glaubt auch, dass man unsere entwickelten Gesellschaften mit ein paar Handgriffen in ein ökologisches Phantasialand verwandeln kann. Gespensterhafte Leere und unsagbares Elend werden die Folge davon sein – und leidvoller Anlass zu atemberaubender, neuer Kunst.

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