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Monat: November 2020

Gedanke der Woche: 25. November 2020

Bis in unsere Tage schlugen die Künstler, Priester der Neuzeit, eine Brücke zwischen Fühlen und Denken. Was das Gefühl dem Ver­stand entgegensetzte und umgekehrt, das überwand das Kunst­werk – immer dann in die Welt tretend, wenn Wi­der­sprüche zerstörerisch wurden. Die Kunst war wie ein Lichtbogen, aus tiefster menschlicher Spannung gespeist, spie­lerisch die Welt erhellend. Inzwischen vermag kein Künstler mehr der Welt diesen Dienst zu erweisen. Gefühl und Ver­stand sind nun selber der Span­nungsbogen, aus dem der Mensch lebt und sich die Welt selbst erhellt. Es ist sein Bewusstsein, das den neuen Dienst versieht. Für die Kunst heißt das, dass sie dadurch ganz zu ihrem spielerischen Recht kommt und frei den Widerpart bildet zum metaphysischen Vertrauen, in dem das Bewusstsein gründet.

Gedanke der Woche: 18. November 2020

Allem, das lebt oder unbelebt ist, wohnt ein zukünftiges Sein inne, das seine Wesensart ausmacht und seine dynamische Richtung steuert. Die Menschen haben das schon immer diffus wahrgenommen bzw. stark empfunden. Wer mag, kann es auch heute noch als göttliches Prinzip verstehen, es Gott nennen und, sich versenkend, seine Gebete dorthin richten, um frei von bewusstem Denken sich gläubig entlang der Kräfte des Künftigen auszurichten und Entwicklungen der Vergangenheit neu zu ordnen. Solches Begegnen mit Gott kommt indessen ans Ende, wo zum Ausrichten des Künftigen das bewusste Denken, einst dynamische Zukunftsverheißung,  unverzichtbar ist. Es bedarf dann des wissenden, selbstverantwortlichen Blicks und des vollbewussten Ausrichtens, um eine weitere, dynamische Ebene zukünftigen Seins zu erreichen bzw. auszufüllen.

Gedanke der Woche: 11. November 2020

Was wir in diesen Tagen, Wochen und Monaten erleben, ist das Resultat einer enormen geistig-seelischen Verelendung – nur wenige verfügen derzeit noch über ein offenes Herz und wachen Verstand. Der große Rest friert und zittert vor Angst, während andere gnadenlos herumpöbeln und uns weismachen wollen, es gebe keine Alternativen zum eingeschlagenen Weg der Freiheitsberaubung…

Teilen wir am heutigen Martinstag  daher großmütig unsere wärmenden Seelen- und Geistesmäntel mit den Frierenden und erinnern nebenbei die seelischen Falschspieler und intellektuellen Wortverdreher der Alternativlosigkeit daran, dass aus dem freigiebigen römischen Soldaten später der heilige Martin, zuvor aber noch der Bischof von Tours wurde – und dass Gänse, die seine Predigt mit ihrem Geschnatter störten, dafür bis zum heutigen Tag Anfang November auf dem Teller landen. In diesem Sinne allen einen herzhaften Gänsebraten am diesjährigen St.-Martins-Tag!

Mahnende Erinnerung

9. November 1938

Fackeln lodern in der Nacht.
Brav der Bürger hält die Wacht.
Scheiben klirren, splittern grell.
Brav der Bürger leuchtet hell.
Stiefelschritte treten hart.
Brav der Bürger lächelt zart.
Stiefelabsatz trifft brutal.
Brav der Bürger schätzt die Qual.
Blutig glitzert nachts Asphalt.
Brav der Bürger freut sich kalt.
Hexenjagd und Judenhatz?
Braven Bürgers steter Satz:
Zeitgeist befiehl wir folgen.

copyright 1987 Alexander Hans Gusovius

Gedanke der Woche: 4. November 2020

Die Geschichte des jüdisch fundierten Christentums ist die Geschichte abendländischer Seelenreife. Die seelische Erweckung ist durch Christus figuriert, der mit 33 Jahren zur geistigen Selbstfindung nicht vordrang, die das Ende der seelischen Entwicklung des Menschen markiert – und dies auch nur um den Preis seiner magischen Bedeutung, seines Mysteriums hätte tun können. Denn der Opfertod zur Auflösung aller Sünde ist nur aus der Seele kommend, die Seele befreiend und sie zur Reife bringend denkbar. Aus der körperlichen Erweckung kommend, die im antiken Griechenland ihre Bühne fand, eroberte die abendländische Welt sich den seelischen Raum, was unbeschwer­te Körperlichkeit zur Voraussetzung hatte – ganz wie der zwischen 21 und 28 Jahren zur seelischen Reife sich hinfindende, hinring­ende Mensch da schon über seinen Körper frei verfügt, der sich zwischen 14 und 21 Jahren erst aus dem kindlichen Kokon herauszwängen musste. Die geistige Findung und Reifung eines Men­schen vollzieht sich dann zwischen 28 und 35 Jahren, so dass Christus, wie es ihm als Seelenerwecker und Visionär zukommt, schon den Blick ins Geistige richten konnte. Jeder Vollender trägt den Keim zur nächsten Vollendungsstufe in sich.