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Gedanke der Woche: 30. September 2020

Das 20. Jahrhundert kennt keinen Künstler von überragender Größe, was nicht überrascht: in diesem Übergangsjahrhundert hat man sich künstlerisch vom 19. Jahrhundert nicht wirklich losgelöst und ist bis zum heutigen Tag im 21. Jahrhundert nicht angekommen.

Form und Inhalt verschwimmen in solchen Zwischenzeiten, und die dadurch entstehende Unsicherheit über das Wahrzunehmende, die zehrende Ungewissheit über die Zugehörigkeit zum schon verblassenden Alten oder noch nicht konturierten Neuen treiben extreme Blüten. Überhöhte Klassik, verstiegene Theorien, Vergottung der Talente, Inflation der Stile, Zerschlagung der Formen und barockes Gepränge sind die Folge; der schwankende Boden wird sichtbar.

Die Künstler des 20. Jahrhunderts waren allenfalls Erblassverwalter oder Wellenreiter, hießen Thomas Mann oder Pablo Picasso, Warhol oder Beuys und plünderten das Bürgertum – oder  blähten sich im zivilisationsfernen Wind auf, der von fernher über die kolonialisierten Meere wehte. Am Strand lag unterdessen die ölig-braune, faule Schar der Bewunderer, die den ererbten Besitz und das artistische Spiel auf den Wellen so begeistert wie gelangweilt be­klatschte, gefolgt von Millionen staunender Kleingeister.

Eigentliche, eigene Vision sucht man vergebens. Das 20. Jahrhundert hat bis weit ins 21. Jahrhundert keine eigene Farbe, keine Tiefe, man erkennt darin kein existentielles Muster. Seine Künstler und Denker gleichen leeren, farbig bedruckten Hüllen, sie ähneln tönenden Überschriften, ihre Heimat ist die Werbung. Mehr war wohl auch nicht möglich, denn wer zwischen Mühlsteinen wohnt, kann sich nur ganz am Rande als Korn erleben, das  vorwiegend Erinnerung ist. Wer zwischen Mühlsteinen wohnt, wird vor allem zu Mehl: daraus man Brot bäckt.

So kommt es, dass die gefeierten Künstler und Denker des 20. Jahrhunderts bloß verzehrt und verdaut wurden, ohne den Geist oder die Seele zukünftig zu ernähren. Mehr als zivilisatorische Speckröllchen haben sie nicht hinterlassen.

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