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(B)Logbuch 26. August 2020 Der Geist ist aus der Flasche – und jetzt?

Die große Frage all jener, die mit den immer derberen Verwerfungen der Gegenwart hadern, lautet: Wie bekommt man den (Un-)Geist, der aus der Flasche gefahren ist, in sein Gefäß zurück? Und, falls das nicht geht, was kann man sonst tun, wie verhält man sich dazu? Um darauf eine Antwort zu geben, muss man sich zunächst die Gesamtlage verdeutlichen. Und sich bewusst werden, dass der auf uns zurollende grün-sozialistische Tsunami seine enorme Kraft aus einer Art höherer Notwendigkeit schöpft! Denn der Ursprung der aufgeheizten, umstürzlerischen Ideen schreibt sich von viel weiter her, als man zunächst meint.

Lehnt man sich historisch ein wenig zurück, wird man sehen, dass wir am Ende einer langen, freiheitlichen Epoche stehen: der Aufklärung. Die peinvollen Denkmuster und zunehmenden Freiheitsbeschneidungen sind dafür beileibe nicht der Grund, sondern allenfalls ein Symptom. Würden die grün-sozialistischen Weltbeglücker uns jetzt nicht ihren Willen aufzwingen, wären wir nämlich kaum freier. Denn der große Feind der Weltbeglücker, den sie mit allen Mitteln zu bekämpfen trachten, also Industrialismus und Kapitalismus, baut auf denselben Prinzipien auf wie ihre eigene.

Beide fußen auf einer Weltsicht, die den Menschen als Menge vermeintlicher Individuen begreift, als verfügbare, lenkbare Masse, und ihn bloß als Arbeitstier und Rädchen braucht, ohne höhere Einsicht, ohne eigenen Willen, befähigt allein zum Kaufen oder Funktionieren.  Der Grund dafür liegt darin, dass beide, Industrialismus und Sozialismus, von einer materialistischen Denkungsart getragen sind und die Welt und somit auch das Individuum als rein stoffliche Realität behandeln mit nichts als stofflichen Bedürfnissen.

Der einzige, nicht ganz unwesentliche, Unterschied besteht darin, dass der Industrialismus in seinen diversen Spielarten zwar stets mehr Wohlstand hervorgebracht hat als sein armer Bruder, der Sozialismus, aber deshalb noch lange kein Freund echter individueller Freiheit war und ist. In Wahrheit agiert der Industrialismus völlig wertfrei, er definiert sich allein über Mengen und Margen und kennt im Prinzip nur die Freiheit, profitabel zu wirtschaften, während der pralle Wertekanon des Sozialismus reine Augenwischerei ist; er lehnt jegliche Wertvorstellung außer der eigenen scharf ab. Beide, und das ist vielleicht das wichtigste, sind blind für die kollektivistischen Verheerungen, die aus ihnen resultieren.

Die brüderlichen Weltanschauungen gleichen sich in ihrer unfreiheitlichen Denkweise jedenfalls wie ein Streichholz dem anderen – und sind auch beide geeignet, die Welt anzuzünden. Sie denken zutiefst dialektisch und sind rein auf Massenprozesse hin orientiert. Insofern ist es im letzten auch egal, ob man im Sozialismus seiner Menschenwürde und individuellen Freiheit beraubt wird, die man im Kapitalismus als Konsument zunehmend schein-individueller Produkte schon nicht mehr richtig besaß.

Denn in beiden Welten genießt der einzelne Mensch ungefähr das Ansehen einer Amöbe. Und früher oder später zerstören sie damit eben beide unsere Welt: entweder im gesichtslos machenden Überkonsum oder in der Gesichtslosigkeit umfassender Konsumverbote. So gesehen unterscheidet den Hungertod im Gulag im Endeffekt nur wenig vom Herzinfarkt in billigem Saus und Braus. 1984 oder schöne neue Welt, Huxley oder Orwell!

Um auf unser eigentliches Thema zurückzukommen: Im Moment sieht es sehr nach einer Zukunft im Gulag aus, doch der auf uns zurollende Tsunami bezieht seine Kraft auch daher, dass uns die industrielle Bruderwelt schon an den Rand unserer Möglichkeiten gebracht hat, indem das große Zeitalter der Aufklärung zu ihren epochalen Entdeckungen und Entwicklungen vor allem wissenschaftlicher Natur keinen nennenswerten weiteren Aspekt hinzuzufügen vermochte. Alles, das aufklärerisch von Belang war und ist, selbst die Universalität der Menschenrechte, ist in eine mechanistische, atomistische Weltauffassung gemündet. Ihr Signum und zugleich höchste Hervorbringung ist die Atomkraft, die grün-sozialistisch allein deshalb bekämpft wird, weil man damit den Bruder schwächen kann.

Das weiterführende, geistige Potential der Aufklärung wirkt jedenfalls erschöpft. Nach ca. 500 Jahren wissenschaftlicher Blüte und enormer Prosperität stellt sich die Wissenschaft auf einmal in den Dienst unfreiheitlicher Tendenzen und fesselt sich damit selbst. Doch scheint der rationale Impuls, scheint das Denken in noch so komplexen linearen Ketten von Ursachen und Wirkungen die Unfreiheit auch aus sich selbst heraus zu befördern. Der Aufklärung fällt augenscheinlich nichts mehr ein, das neue Dynamik entfachen würde, in ihrer Endzeit dominieren gelebte Einförmigkeit, geistige Enge und jede Menge Verbote. 

Dagegen aufzustehen oder nur aufzubegehren, ist ehrenvoll, mutig – aber im Letzten sinnlos. Es braucht schon mehr als eine ablehnende Haltung, um wirklich etwas zu bewirken, um Freiheiten zu bewahren oder neue zu eröffnen. Es braucht eine neue, zündende Idee, die den vielen Ratlosen und in ihrer Beengtheit Dahinvegetierenden frischen Lebensmut einflößt, die sie aus ihrer Ergebenheit aufweckt und ihnen ein Ziel vor Augen stellt, das sie aus tiefer Sehnsucht  und in starker Zuversicht zu ihrer Gewissheit erheben.

Es braucht also eine neue Sinngebung, die dem unfassbaren schöpferischen Potential des Menschen Rechnung trägt und ihm die Angst nimmt, durch sein eigenes Tun und Lassen die Welt zu zerstören. Denn davon profitieren die Weltbeglücker: geschürte Angst ist der Wetzstein, auf dem sie ihre Messer schärfen, ähnlich der Gottesfurcht früherer Zeiten.

Wenn wir als Menschen erkennen, dass unsere Möglichkeiten weit jenseits der Prediger liegen, die uns Gottesfurcht lehren, und weit jenseits der Beglücker, die Umweltängste schüren, wenn wir uns also über die Zeloten der Gegenwart erheben und unser eigenes Potential ausschöpfen, werden wir ein neues Zeitalter betreten, das von völlig neuen Einsichten in die Natur der Materie, des Weltalls und unserer selbst geprägt sein wird.

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