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(B)LOGBUCH – 2.5.2020

Symptome systematischer Schwäche

Wie erleben ein beispielloses Durcheinander an Meinungen und Maßnahmen – nicht so sehr auf dem Hintergrund des Vagen und Ungewissen im Umfeld der neuartigen Viruserkrankung und ihrer Ausbreitung, sondern auf dem Hintergrund flagranter Hilflosigkeit: Gesellschaft und Politik tun sich im Querschnitt  schwer, angemessen auf die Herausforderungen zu reagieren, ja sie adäquat zu begreifen. Statt mit Einsichten wird mit Ansichten hantiert, als gelte es, damit vor allem die Meinungsführerschaft zu erringen, entlang von Kommunikationstechniken, die im allgemeinen Wohlstand über die Jahre kulturell bedeutsamer geworden sind als die jeweilige Realität.

Der Versuch der Rückkehr von kulturell aufgeladenen Formen zu realen Inhalten wird gar nicht erst unternommen. Vielmehr wird versucht, entlang eingeübter Gewohnheiten, die aus dem Ruder gelaufene Realität der vorherrschenden Kulturtechnik anzupassen – und  den extrem schnell wechselnden Lagen kommunikativ zu entsprechen. Die Unfähigkeit, sie tatkräftig in Angriff zu nehmen, wird davon nicht geringer.

Was hier sichtbar wird, ist klassische Degeneration, ist die Preisgabe von Werten und essentiellen Haltepunkten. Wenn Politik und Gesellschaft, grob ausgedrückt, an Schönfärberei und Latrinenparolen mehr interessiert sind als am Aushalten von Wirklichkeit, so schmerzvoll das immer sein mag, dann fehlt es an Kraft, der Wirklichkeit aufzuhelfen.

Die Zeichen stehen schlecht, dass die nötige Kehrtwende noch gelingt. Es sieht eher danach aus, als würde die allgemeine Kopflosigkeit vollends überhand nehmen. Wenn das so ist, dann wird die geschürte schwächliche Hoffnung auf einen flachen Verlauf der Krise durch immer stärkere Folgekrisen ad absurdum geführt.

 

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