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Alexander Hans Gusovius Posts

Aphorismen 4. Mai 2021

  • Zu krisenhaften Entwicklungen und Gewalt kommt es immer erst infolge etlicher Ungleichgewichte, gegen die nichts unternommen wurde. Die moralische Entrüstung ist dann billig, sie hätte vielfach vorher einsetzen dürfen. Unser Gegenwartsdeich bspw. hat gefährlich viele Löcher, die über lange Zeiträume hinweg gegraben wurden. Wenn er bricht, liegt es nicht allein an den Wühlern von heute.
  • Das Puppenhafte, Porzellanhafte der jungen Klima-Gesichter. Betriebsame Frische mit alten, müden Augen darin…
  • Geistiger Stillstand ist das Erstarren vor jenen weittragenden Konsequenzen, die man durch weiteres Schauen und Erkennen zu gewärtigen hat.
  • Das breitgestreute Erwachen des menschlichen Bewusstseins, christlich initiiert, doch erst ausgangs des Mittalalters vollzogen, wird überwiegend als Enttarnung, Desillusionierung, Demaskierung erlebt und verstanden. Man fühlt sich ausweglos überfordert und vermeint, jegliches sinnerfüllte, sinngeborgene Leben sei verloren. Genau daher rührt die stupende Destruktion als fortwährende Begleiterscheinung der so vieles positiv konstruierenden Neuzeit: ein unaufhörlicher Bildersturm, ein pubertäres Wüten wegen des Verlusts der kindlichen Naivität. Der Schritt ins vollgültige Bewusstsein steht mithin noch aus, was nicht zuletzt bedeutet, die negative Übermacht der bewussten Bilder zu bannen durch eine in die Tiefe gehende Schau ausgesuchter, seelisch wach empfundener Bilder.

Weiter denken – 27. April 2021

Im autistischen Raum: Druck entsteht oben unter der Hirnschale, nimmt zu, verteilt sich über die Schläfen hin zu den Nasenflügeln, die spürbar an den Nasenrücken anschließen. Alles ist Rauschen, fühlbar liegt das Gehirn in seiner knöchernen Wanne und arbeitet in blitzartigen Sprüngen und Schüben, lichthell. Die Außenwelt dringt in Bildern und Lauten, wie nahe bei einem Wasserfall, nur mühsam durch und greift zugleich die Hirnsubstanz an. Dumpfes Dröhnen unterlegt jede Wahrnehmung und jeden Denkvorgang, bis Denken zur reinen Wahrnehmung, zur Wahrnehmung an sich wird. Irgendeine vermittelnde Instanz scheint aufgehoben, der Nacken versteift sich. In diesem Zustand wird man zu einer pendelnden Uhr, man vermag die Welt zu denken, indem sie sich über die Wahrnehmung ungeschützt mitteilt. Die anfänglichen Schübe und Sprünge des Hirns werden zu rasenden, taumelnden Bahnen- und Schleifenfahrten, zu elliptischen Kreisbewegungen in hoher Zahl.

Weiter denken – 21. April 2021

Anmerkungen zu einer vierten Dimension: die nicht Zeit ist, sondern Zeit akzidentiell zur notwendigen Begleitung hat. Ähnlich wie Raum als dritte Dimension nur ein Akzidens dieser Dimen­sion ist: aus dem weiterhin Ort folgt, so wie aus Zeit Zeitpunkt folgt. Wie kann man sich eine vierte Dimension vorstellen? Be­trach­tet man die andern drei Dimensionen von ihrer ak­zi­dentiel­len Seite, wird deutlich, dass der Punkt einen auf sich selbst beschränkten Vektor hat, der in der Linie eine eindi­mensionale Ausdehnung erfährt. Die Fläche verfügt bereits über zwei lineare Vektoren, die flächenbildend wirken. Der Raum kennt drei Vektoren, von denen einer über die flächenbildenden Vektoren hinausgeht, so wie die Fläche nur einen Vektor besitzt, der über die linienbildende Vektorschaft hinausgeht. Wir haben somit einen eigentli­chen Liniencharakter, einen eigentlichen Flächencharakter, einen eigentlichen Raumcharakter. Die vierte Dimension besitzt nun ebenfalls einen über die drei andern hinausgehenden Vektor, und zwar den Bewe­gungs­faktor. So wie Punkte (mit Nullvektor) in Linien und Li­nien in Flächen und Flächen in Räumen aufgehoben sind, so sind Räume in Bewegungen aufgehoben – jeweils in unendlicher Zahl. Was heißt nun Bewegung und was unendliche Zahl? Indem alle Räume in ständiger Expansion begriffen sind und zugleich in Kontraktion, ist die Bewegung als Vektor eine sich selbst betreffende, ähnlich der Nullvektorschaft des Punktes, dem sie sehr verwandt ist und insofern iden­tisch, als der Punkt das Gegenstück zur vierten Dimension ist. Bewegung als Vektorschaft der vierten Dimension bezieht sich nur auf sich selbst und ist ein Os­zillieren zwischen Unendlichkeiten, zwischen All und Nichts. Vorstellbar ist das als vierdimensionale Kugel, die, indem sie sich in sich selbst zusammenzieht und punkthaft wird, zugleich Ausdehnung erfährt, und indem sie sich ausdehnt, zugleich ihre Nähe zu sich selbst in allen denkbaren Räumen, Flächen, Linien und Punkten maximal befördert und findet. Und wie die malerische Entdeckung der dritten Dimen­sion parallel zur stürmischen Eroberung der Erdräume verlief, ihr sogar ein Weniges vorausging und sie begründete, so vermag heute die Sprache unsere drei­di­mensionale Fesselung der Perspektive aufzubrechen: indem sie dreidimensionale, imgrunde dialektische Schein­wi­dersprüche in sich auflöst und der Wahrhaftigkeit allen Seins  ebenso bewegend wie beweglich Ausdruck verleiht.

Heiter weiter – 13. April 2021

Heiter weiter

Letzte! Wachend

Übers Sterben der Zeit

Gehet daran, als Erste

Eben so sorglich

Frische Zeitung zu zeugen.

Die Geburt neuer Zeit wie

Ihr müdes Vergehen

Sind im Spirallauf der Zeiten

Nah und geborgen!

Wisset:

Altes behütend

Und

Neues zeitend

Ist eines ohne das andere

Nobles Nichts!

In eins gesetzt

Heiteres Weiteres…

 

 

Copyright 2021 Alexander Hans Gusovius

Weiter denken – 7. April 2021

Immer wieder entsteht gefühlter Anlass, etwas zu denken. Immer wieder gehe ich dem nach und entdecke hunderte dazu passende Gedanken, die ich mir tausende Male innerlich aus­spreche und gelegentlich notiere. So wer­den Ge­fühle zu Gedanken, Gedanken zu Sät­z­en – und erwächst aus einer Unmenge von Sätzen zuletzt ein einziger, den festzuhalten lohnt: wenn er aus der Masse der Nachbarsätze so vertraut herausragt, dass ich imstande bin, ihm Gestalt zu verleihen. Daraus erhellt, warum umso mehr Leben umso mehr unbändige Anar­chie zur Grundlage hat – und je mehr Form je mehr Versteinerung bedeutet: Form, in hunderten Schritten erarbeitet, löst sich im ersten Schritt schon vom anarchischen Willen, der über hunderte Wege das Ursprungsgefühl verfolgen hieß, immer nur nebenher Gestalt gebend, gerade so viel wie benötigt. In der Starre der idealen Endgestalt muss die Unbändigkeit des Ursprungs dennoch pulsierend enthalten und auch zu erfassen sein.

Gedanken zu Ostern 2021

In Nietzsche begegnet uns eine klassische Christus-Wie­der­kehr. Sehr zeitgemäß berührt uns sein Ende im Wahnsinn, der die schmückende Dornenkrone im Kreuzigungstod vertritt, geknüpft an Visionen des Kommenden. Wie Christus sucht Nietzsche die Konsolidierung seiner Person im Spi­rituellen, geht faktisch unter und steigt symbolisch auf, das eigene Leben not­wendig opfernd, indem er es in Höheres einband.

Mit Nietzsche ist jedoch zeitgleich die weltantike Allegorie vom Opfertod in überpersönlicher Mystifikation beendet. Wo die Sehnsucht nach Gott nicht mehr fleischlich empfunden wird, sondern geistig inkarniert sein will, ist leiblicher Untergang sinnlos. Nietzsches Wahnsinn als geistiger Tod markiert insofern das Ende, aber auch einen Neubeginn; von nun an regiert der Wahnsinn! Darum auch walten Angst und Hybris, nicht Krieg und Kampf bei den Verwaltern der Zeit und in der verwalteten Gemeinschaft: in diesen Tagen aufs trivialste anzuschauen! Geistige Auslöschung ist nun das Ziel, nicht mehr die leibliche Vernichtung…

Weiter denken – 23. März 2021

Beim momentanen politischen Geschehen könnte es sich, als Gedankenspiel konjunktivisch formuliert, entgegen aller Bizarrerie nicht bloß um Pannen, sondern um einen kalten Putsch handeln, um vorrevolutionäre  Schritte, die der Vorbereitung auf die komplette Umwertung unserer demokratischen Werte dienen würden.  Wenn dem so wäre, läge es an unser aller eklatanten Versäumnissen, aber auch an spezifischen Mängeln der freiheitlich verfassten Lebenswelt. 

Von Mal zu Mal sähe sich demnach die verfasste Freiheit in unseren Tagen härter angegriffen, ohne anders als stets nur irritiert und widerstandslos darauf zu reagieren. Denn sie würde den Angriff nicht orten können, sie wäre gegen Wert- und Wortverdrehungen nicht gut gerüstet und würde vom institutionellen Grundvertrauen, das wir in sie setzten, sogar noch geschwächt. Ihre sehr formelle, liberale Funktionsweise wäre ihre Achillesferse. 

Und so zöge Schritt für Schritt eine neue Wirklichkeit ein, die das Tor für politische Anmaßung und politischen Missbrauch ganz weit öffnete. Unsere Schwäche, die verfasste Freiheit für grundsätzlich unanfechtbar zu halten und nicht verinnerlicht zu haben, dass sie fortwährend neu erstritten werden müsste, um ihren starren Liberalismus auszugleichen, höbe das Tor vollends aus den Angeln. Es wieder zu schließen, würde unendliche Mühen kosten und hohen Blutzoll erfordern. 

Eines fernen Tages könnte es dennoch soweit sein. 

Bis dahin aber würden wir bitter am revolutionären Unwesen zu leiden haben, das noch bizarrer, ungestalter und unfähiger daherkäme als die bereits sehr plumpen vorrevolutionären Angriffe. Um die klaffenden Abgründe der Revolution zuzudecken, würde grotesk gelogen werden, und man würde jede Kritik, sogar jeden Zweifel daran gnadenlos ahnden. 

Die etwas leichtfertige Partystimmung der letzten zwanzig Jahre ist jedenfalls vorbei, besiegt durch heute schon zu besichtigende revolutionäre Sauertöpfigkeit und moralisches Scharfrichtertum… So viel ist auch im Indikativ sicher!

Weiter denken – 17. März 2021

In Zeiten von Corona wird massenhaft geredet, kommuniziert, gepostet. Es zeigt sich jedoch, dass zu vieles in den Köpfen ebenso redundant wie zusammenhanglos herumgeistert und unverarbeitet bleibt. Hier und da gelingt eine konsistentere Sichtweise, wird aber nach Laune ausgewechselt, geht bruchlos über in eine andere, so dass kaum jemand wirklich imstande ist, starke Positionen aufzubauen. Es hat aber auch kaum einer Lust dazu. Man will einfach nur reden – und herrschen…

Zweiter Merksatz – 10. März 2020

Alle Kunst ist leidgeboren.

Nein, nicht die von documenta & Co, also keine blauen Leinwände oder mit Menstruationsblut „gemalten“ Bilder, so wenig wie jene theoretischen, kakophonischen Lautsequenzen, die man vergeblich zu Musik erklärt! Mag zwar sein, dass der Entstehung auch mancher dieser kopflastigen Werke irgendein Leid zugrunde liegt, passend wären hier Kopfschmerzen: doch ist das vom Merksatz weder erfasst noch gemeint.

Worum es hier geht, ist der Zusammenhang zwischen dem bedeutungsvollen, beispielhaften Sinnsuchen und -stiften in Leben und Werk, geboren aus der leidvoll erfahrenen Spannung, die zwischen gelebter Lüge und zu lebender Wahrheit anliegt. Und spricht man hier im Ergebnis von Kunst, so versteht sich von selbst, dass die im Werk komprimierte Bedeutung, gleichgültig ob mehrheitlich erfühlt oder erdacht, immer und ausschließlich dem Erleiden eines Individuums entspringt, das sich im schmerzhaften Kontrast zur Außenwelt abspielte und im künstlerischen Erschaffen des Werks bis hin zu seiner kollektiven Inbesitznahme heilende Wirkung entfaltet. Anders ist die Geburt, ist überhaupt die Existenz von Kunstwerken nicht zu denken.

Halten wir fest: Kunst lebt davon, dass sie ähnlich dem Entstehen von Diamanten unter extremem Druck in die Welt findet, und erhält hiervon ihren magischen Glanz und ihre höhere Bedeutung. Alles andere, wie oben angedeutet, ist billige Massenware und ohne lebensechten Wert. Denn so verhält es sich mit allem im Leben: Was etwas wert ist, wurde unter Schmerzen erworben.

Wenn wir in diesen Tagen erleben, wie leichtsinnig Werte verschleudert werden, die meist in leidvoller Mühe über lange Zeiträume hart erarbeitet, aber seit ein paar Jahren fast nur noch verhöhnt wurden, dann begreift man, dass die Relativierung und Destruktion der wahren Kunstwerke durch den Popanz von documenta & Co der Zertrümmerung der freiheitlichen Werte nicht bloß voranging, sondern sie planvoll ermöglichte – und dass jeder, der sich an solcher Entwertung beteiligte, aktiv oder passiv, damit die eigene Entwertung betrieb.

Anders gesagt: Wer glaubt, dass Kunst leichthin und gänzlich mühelos zu erschaffen sei, der glaubt auch, dass man unsere entwickelten Gesellschaften mit ein paar Handgriffen in ein ökologisches Phantasialand verwandeln kann. Gespensterhafte Leere und unsagbares Elend werden die Folge davon sein – und leidvoller Anlass zu atemberaubender, neuer Kunst.

Erster Merksatz – 3. März 2021

Alle Probleme sind hausgemacht!

Sie sind Teil der ureigenen dynamischen Historie, individuell wie kollektiv.

Warum? Weil man sich als Mensch seine Schwierigkeiten selber zulegt, ähnlich einem lebensverengenden Sparkonto, das uns am übertriebenen Geldausgeben hindern soll. In der gleichen Weise sind Krankheiten und dergleichen vor allem dazu da, sich an der ungebremsten Verfolgung einseitiger, in die Irre führender Ziele zu hindern. Eine Morallehre, soweit sie davon inspiriert ist, verdient ihren Namen.

Da alle Probleme hausgemacht sind, eben auch kollektiv, gibt es darüber hinaus leider kein Problem auf der Welt, das man selber nicht auch hätte. Ob man es will oder nicht, ist man eingebunden in übergeordnete dynamische Prozesse, familiär und stammesbezogen, national und international, und ihren harten Pendelschwüngen ausgesetzt.

Im großen Rahmen ist man insofern auch als Opponent von herben Fehlentwicklungen Teil der Problemstellung. Genau hingeschaut, wird man sogar Einfärbungen des Problematischen in sich entdecken. Es ist ratsam, darum zu wissen, gerade in Zeiten wie diesen.