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Alexander Hans Gusovius Posts

Gedanke der Woche: 16. September 2020

Die Welt lebt nicht nur ökonomisch auf Kredit, sondern auch wissenschaftlich. Die Ergebnisse des Denkens der letzten einhundert Jahre sind unausgereift wie ein Juli-Apfel, fast nichts ist ausgeforscht oder zuende gedacht, sondern meist nur praktikabel zurechtgelegt und auf Anwendung bedacht. Sollte die Geldblase platzen, sind die Folgen klar. In begrenztem Umfang würde man Basiswirtschaft betreiben müssen, also Tauschhandel und Faust­recht praktizieren. Die Folgen eines wissenschaftlichen Bankrotts würden noch schwerer wiegen. Die Welt müsste zurückkehren zu grundlegendem Denken. Das aber hat kaum jemand wirklich gelernt. Die Parallele zum Faustrecht bestünde daher im Irrsinn. Beide kündigen sich massiv an.

Gedanke der Woche: 8. September 2020

Kapitalismuskritik? Ihr Fehler liegt darin, dass sie das Transzendente allen Handelns nicht begreift bzw. keiner höheren Dialektik fähig ist. Indem also in ihr vorderhand die geistigen Stützpfeiler des bürgerlichen Zeitalters ausgeblendet werden, ergibt sich nachgerade eine höchst fragwürdige Bilanz, die rein im Tatsächlichen wurzelt und bar jeder Dynamik ist – aber imgrunde nur die niedere Dialektik jener Kritik widerspiegelt. Die Metaphysik des kapitalisierten  und kapitalisierenden Bürgertums, kurzgesagt des Handels, reicht jedoch weit darüber hinaus und transzendiert sich im nachbürgerlichen Zeitalter über den Konsum zur seelischen Wahrnehmung alles Materiellen. Das Trinken von Coca-Cola ist demnach ein proto-reli­giöser Akt, eingebettet in eine Liturgie des Bewusstwerdens.

Gedanke der Woche: 2. September 2020

Die westliche Zivilisation, predigt man, habe die Seele des Menschen zerstört! Wo sie hingelange, zerfalle die menschliche Seele, samt aller Natur, zu Staub und Asche… Nichts könnte falscher sein. Die westliche Zivilisation hat der Seele des Menschen  und der Natur unendliche Räume eröffnet. Und es dämmert bereits eine neue Seele herauf, die neuen Räume auch zu betreten, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Genau das macht den Predigern Angst, die im Licht neuer Erkenntnisse und Seelenhelle ihre altertümliche Macht einzubüßen drohen. Ihre Angst vor einer neuen Welt windet sich in Verfluchungen und Theoremen, um die höhere Natur des Menschen zu zerstören.

Gedanke der Woche: 26. August 2020

Alles Gegenständliche ist nur ein Beispiel: Wer einen bildhaften Gedanken verfolgt, braucht sich nur umzuschauen; rasch trifft er auf den dazu passenden, konkreten Bildausdruck in seiner nächsten Umgebung. Warum? Weil…

a) das Denken in Bildern eine innere Anverwandlung an die Umgebungsbilder mit sich bringt und es sich an ihnen orientiert; des weiteren weil…

b) jedem Gegenstand, sei er lebend, handgemacht oder natürlich, mehr als nur ein Formprinzip innewohnt: letztlich sogar inkarniert jeder Gegenstand jede denkbare bildnerische Ausformung, die daher immer und überall entdeckt werden kann. Und vor allem weil…

c) alles Bildhafte selber ein Bild ist – weshalb sich der einmal betretende, bildhafte Raum ständig in sich selbst wiederholt und niemals verlassen werden kann, sodass…

d) sich das Bild vom Urknall und der ewigen Ausdehnung und Kontraktion des Alls als völlig sinnlos erweist bzw. nur als bildhafte Begrenztheit eines spezifischen Denkens zu werten ist.

(B)Logbuch 26. August 2020 Der Geist ist aus der Flasche – und jetzt?

Die große Frage all jener, die mit den immer derberen Verwerfungen der Gegenwart hadern, lautet: Wie bekommt man den (Un-)Geist, der aus der Flasche gefahren ist, in sein Gefäß zurück? Und, falls das nicht geht, was kann man sonst tun, wie verhält man sich dazu? Um darauf eine Antwort zu geben, muss man sich zunächst die Gesamtlage verdeutlichen. Und sich bewusst werden, dass der auf uns zurollende grün-sozialistische Tsunami seine enorme Kraft aus einer Art höherer Notwendigkeit schöpft! Denn der Ursprung der aufgeheizten, umstürzlerischen Ideen schreibt sich von viel weiter her, als man zunächst meint.

Lehnt man sich historisch ein wenig zurück, wird man sehen, dass wir am Ende einer langen, freiheitlichen Epoche stehen: der Aufklärung. Die peinvollen Denkmuster und zunehmenden Freiheitsbeschneidungen sind dafür beileibe nicht der Grund, sondern allenfalls ein Symptom. Würden die grün-sozialistischen Weltbeglücker uns jetzt nicht ihren Willen aufzwingen, wären wir nämlich kaum freier. Denn der große Feind der Weltbeglücker, den sie mit allen Mitteln zu bekämpfen trachten, also Industrialismus und Kapitalismus, baut auf denselben Prinzipien auf wie ihre eigene.

Beide fußen auf einer Weltsicht, die den Menschen als Menge vermeintlicher Individuen begreift, als verfügbare, lenkbare Masse, und ihn bloß als Arbeitstier und Rädchen braucht, ohne höhere Einsicht, ohne eigenen Willen, befähigt allein zum Kaufen oder Funktionieren.  Der Grund dafür liegt darin, dass beide, Industrialismus und Sozialismus, von einer materialistischen Denkungsart getragen sind und die Welt und somit auch das Individuum als rein stoffliche Realität behandeln mit nichts als stofflichen Bedürfnissen.

Der einzige, nicht ganz unwesentliche, Unterschied besteht darin, dass der Industrialismus in seinen diversen Spielarten zwar stets mehr Wohlstand hervorgebracht hat als sein armer Bruder, der Sozialismus, aber deshalb noch lange kein Freund echter individueller Freiheit war und ist. In Wahrheit agiert der Industrialismus völlig wertfrei, er definiert sich allein über Mengen und Margen und kennt im Prinzip nur die Freiheit, profitabel zu wirtschaften, während der pralle Wertekanon des Sozialismus reine Augenwischerei ist; er lehnt jegliche Wertvorstellung außer der eigenen scharf ab. Beide, und das ist vielleicht das wichtigste, sind blind für die kollektivistischen Verheerungen, die aus ihnen resultieren.

Die brüderlichen Weltanschauungen gleichen sich in ihrer unfreiheitlichen Denkweise jedenfalls wie ein Streichholz dem anderen – und sind auch beide geeignet, die Welt anzuzünden. Sie denken zutiefst dialektisch und sind rein auf Massenprozesse hin orientiert. Insofern ist es im letzten auch egal, ob man im Sozialismus seiner Menschenwürde und individuellen Freiheit beraubt wird, die man im Kapitalismus als Konsument zunehmend schein-individueller Produkte schon nicht mehr richtig besaß.

Denn in beiden Welten genießt der einzelne Mensch ungefähr das Ansehen einer Amöbe. Und früher oder später zerstören sie damit eben beide unsere Welt: entweder im gesichtslos machenden Überkonsum oder in der Gesichtslosigkeit umfassender Konsumverbote. So gesehen unterscheidet den Hungertod im Gulag im Endeffekt nur wenig vom Herzinfarkt in billigem Saus und Braus. 1984 oder schöne neue Welt, Huxley oder Orwell!

Um auf unser eigentliches Thema zurückzukommen: Im Moment sieht es sehr nach einer Zukunft im Gulag aus, doch der auf uns zurollende Tsunami bezieht seine Kraft auch daher, dass uns die industrielle Bruderwelt schon an den Rand unserer Möglichkeiten gebracht hat, indem das große Zeitalter der Aufklärung zu ihren epochalen Entdeckungen und Entwicklungen vor allem wissenschaftlicher Natur keinen nennenswerten weiteren Aspekt hinzuzufügen vermochte. Alles, das aufklärerisch von Belang war und ist, selbst die Universalität der Menschenrechte, ist in eine mechanistische, atomistische Weltauffassung gemündet. Ihr Signum und zugleich höchste Hervorbringung ist die Atomkraft, die grün-sozialistisch allein deshalb bekämpft wird, weil man damit den Bruder schwächen kann.

Das weiterführende, geistige Potential der Aufklärung wirkt jedenfalls erschöpft. Nach ca. 500 Jahren wissenschaftlicher Blüte und enormer Prosperität stellt sich die Wissenschaft auf einmal in den Dienst unfreiheitlicher Tendenzen und fesselt sich damit selbst. Doch scheint der rationale Impuls, scheint das Denken in noch so komplexen linearen Ketten von Ursachen und Wirkungen die Unfreiheit auch aus sich selbst heraus zu befördern. Der Aufklärung fällt augenscheinlich nichts mehr ein, das neue Dynamik entfachen würde, in ihrer Endzeit dominieren gelebte Einförmigkeit, geistige Enge und jede Menge Verbote. 

Dagegen aufzustehen oder nur aufzubegehren, ist ehrenvoll, mutig – aber im Letzten sinnlos. Es braucht schon mehr als eine ablehnende Haltung, um wirklich etwas zu bewirken, um Freiheiten zu bewahren oder neue zu eröffnen. Es braucht eine neue, zündende Idee, die den vielen Ratlosen und in ihrer Beengtheit Dahinvegetierenden frischen Lebensmut einflößt, die sie aus ihrer Ergebenheit aufweckt und ihnen ein Ziel vor Augen stellt, das sie aus tiefer Sehnsucht  und in starker Zuversicht zu ihrer Gewissheit erheben.

Es braucht also eine neue Sinngebung, die dem unfassbaren schöpferischen Potential des Menschen Rechnung trägt und ihm die Angst nimmt, durch sein eigenes Tun und Lassen die Welt zu zerstören. Denn davon profitieren die Weltbeglücker: geschürte Angst ist der Wetzstein, auf dem sie ihre Messer schärfen, ähnlich der Gottesfurcht früherer Zeiten.

Wenn wir als Menschen erkennen, dass unsere Möglichkeiten weit jenseits der Prediger liegen, die uns Gottesfurcht lehren, und weit jenseits der Beglücker, die Umweltängste schüren, wenn wir uns also über die Zeloten der Gegenwart erheben und unser eigenes Potential ausschöpfen, werden wir ein neues Zeitalter betreten, das von völlig neuen Einsichten in die Natur der Materie, des Weltalls und unserer selbst geprägt sein wird.

Gedanke der Woche: 19. August 2020

Kapitalisten sind weder besonders böse, noch besonders gerissen, noch extrem schlau – das sind sie manchmal auch. Hauptsächlich sind sie engherzige Kleinbürger und so beschränkt wie alle, die das nicht sehen: darin den Kommunisten seelenverwandt.

11. August 2020 – S’isch over…

„Ein neuer Zug von Innerlichkeit wird den Willen zum Sieg der Wissenschaft überwinden. Die exakte Wissenschaft geht der Selbstvernichtung durch Verfeinerung ihrer Fragestellungen und Methoden entgegen… Die kritische Forschung hört auf, ein Ideal zu sein…

Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt. Eine Kultur verzichtet, indem sie aufhört, sich in hohen wissenschaftlichen Intelligenzen zu offenbaren; aber Wissenschaft existiert nur im lebendigen Denken großer Wissenschaftsgenerationen, und Bücher sind nichts, wenn sie nicht in Menschen, die ihnen gewachsen sind, lebendig und wirksam werden…

Nicht der Einzelne, die Kultur hat es satt. Sie drückt das aus, indem sie ihre Forscher, die sie in die geschichtliche Welt hinaufsendet, immer kleiner, enger, unfruchtbarer wählt.“

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Dezember 1922

Gedicht der Woche – 30. Sendung

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Die Angst der Schafe

Wo immer wir uns zeigten, war kein Platz.
Vielleicht am Rande? Doch auch dort
War Enge nur und ängstliches Geblöke
Der Schafe, die den Wolf nicht fürchteten,
Sondern verehrten voller Angst um sich.

Auch wir versuchten oft, den letzten Platz
Uns zu gewinnen. Doch der Anblick
Der Schafe ließ uns zögern. Zu wenig galt uns,
Was dergestalt umkämpft und letztlich
Auch unter uns nur Kampf bedeutet hätte.

Drum Kampf dem Wolf! Bevor wir den begehrten Platz
Eroberten gegen die Schar der Schafe, und danach
Den Sieger unter uns gefunden hätten, war der Wolf
Vielleicht schon lang besiegt! Und war er nicht
Der Grund, des Wirkung es zu töten galt?

Wir suchten ihn und fanden nicht den Wolf,
Trotz aller Worte, die um ihn gemacht, trotz
Aller Angst, die sich deshalb als Angst der
Schafe vor sich selbst erzeigte. Es gab ihn nicht.
Der Wolf war tot.

Wir fanden wohl ein ältres Mutterschaf, das
Sprach uns von vergangner Zeit, da einst
Der Wolf verstarb – und es bedurfte
Des Zutuns nicht und nicht des Kampfes.
Milde, vergeistigt war der Wolf entschlafen.

Dann Angst der Schafe um sich selbst? „Ach ja!“
Seufzte das Mutterschaf und zitterte sogleich,
Die Brust war zugeschnürt in Angst – es wollte
Da nichts mehr sagen. Nur ein letzter Blick
Aus halbgeschlossenen Lidern ließ uns ahnen,

Wie groß die Angst war. Aber dann: ein Blitzen, Flackern
Von Augen, die uns scheinbar sanft umfangen hielten,
Ein heisres Knurren aus der alten Kehle – doch kein
Wolf war das, ein altes böses Schaf. Wir
Wandten uns schaudernd um, und nun verstanden wir.

Das große Feld mit all den ungezählten Schafen,
Das uns ein Bild war ungeordneter Natur,
War, Schaf an Schaf, wie ein Magnetfeld anzusehen,
Konzentrisch drohend ausgerichtet Nord und Süd,
Zwei Kreise um uns und das Mutterschaf im Zentrum.

Fast tat der Wolf uns später leid, von dem zurecht
Zwar übel man gesprochen, der jedoch in alter Zeit
Um diese grauenhafte Angst der Schafe wissen musste.
Der Tätigste von uns schlug drauf dem alten Mutterschaf
Den Schädel ein. Ich rief, so laut ich es vermochte:

„Der Wolf ist tot! Die Angst der Schafe gilt sich selbst!“
Da brach die Ordnung, fielen Schafe, wankten, bissen
Sich manche gegenseitig tot – doch kurz, kurz war
Die Wirkung seiner Tat und meines Rufs. Mit knapper Not
Erreichten wir den Rand des Feldes ungeschoren.

Gleich nahmen junge Tiere toter Tiere Plätze ein und
Fraßen die Kadaver. Bald grasten Leib an Leib wie vordem
Ruhig Schafe – und es entbrannte dort am Rand ein kleiner
Streit um einen schmalen Platz. Wir sahen es voll Ekel
Und gingen fort, der Wahrheit eingedenk.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

Gedicht der Woche – 29. Sendung

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Teilhabe

Harrende Wächter der inneren Zeit
Sind wir. Und außen treibt blutig ihr
Zeitung hervor, die wir betroffen,
Immer ein Auge auf euch und den
Hass, im Außen einfrieden.
Wissend, dass nur im klugen
Bewachen und Wahren
Innerer Zeit
Die Kräfte sich sammeln.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius