Zum Inhalt

Alexander Hans Gusovius Posts

Gedanke der Woche: 14. Oktober 2020

Der Bürger der Neuzeit war von zwei kontroversen Maximen geleitet: von der Suche nach Individualität sowie dem Streben nach Sicherheit – und besiegelte damit den eigenen Untergang, denn Sicherheitsstreben und Selbstwerdung schlossen einander zunehmend aus. In den Händen der Kleinbürger, an die er seine Maximen im 20. Jahrhundert weitergab, ist die innewohnende Schizophrenie inzwischen vollständig sichtbar geworden: Umweltwahn und Massenkonsum sind, als Spielformen egozentrischen Begehrens, die degenerierte Folge.

Gedanke der Woche: 7. Oktober 2020

Das Schöne, Wahre, Gute – davon ist nur das Gute in übertrieben moralischer, politisch-fratzenhafter Verzerrung übriggeblieben. Das Schöne vegetiert in Konsumräumen und -träumen vor sich hin, das Wahre hat in relativistischer Weltsicht ausgedient. Dabei ist die Kraft der antiken Triade ungebrochen. Denn nichts wird gelingen, das nicht Schönheit, Wahrheit und Gutes in sich vereint: indem keines der drei ohne die zwei anderen auskommen kann. In gewisser Weise sind sie sogar identisch. Was wirklich gut ist, muss zunächst wahr sein, und was wahr ist, ist in der Folge schön anzuschau­en, weil Schönheit immer Begleitumstand allen in sich und in Harmonie mit der Welt tief Gefügten ist. Was aber schön ist, kann wiederum nicht anders, als Wahrheit im Betrachter erzeugen.

Gedanke der Woche: 30. September 2020

Das 20. Jahrhundert kennt keinen Künstler von überragender Größe, was nicht überrascht: in diesem Übergangsjahrhundert hat man sich künstlerisch vom 19. Jahrhundert nicht wirklich losgelöst und ist bis zum heutigen Tag im 21. Jahrhundert nicht angekommen.

Form und Inhalt verschwimmen in solchen Zwischenzeiten, und die dadurch entstehende Unsicherheit über das Wahrzunehmende, die zehrende Ungewissheit über die Zugehörigkeit zum schon verblassenden Alten oder noch nicht konturierten Neuen treiben extreme Blüten. Überhöhte Klassik, verstiegene Theorien, Vergottung der Talente, Inflation der Stile, Zerschlagung der Formen und barockes Gepränge sind die Folge; der schwankende Boden wird sichtbar.

Die Künstler des 20. Jahrhunderts waren allenfalls Erblassverwalter oder Wellenreiter, hießen Thomas Mann oder Pablo Picasso, Warhol oder Beuys und plünderten das Bürgertum – oder  blähten sich im zivilisationsfernen Wind auf, der von fernher über die kolonialisierten Meere wehte. Am Strand lag unterdessen die ölig-braune, faule Schar der Bewunderer, die den ererbten Besitz und das artistische Spiel auf den Wellen so begeistert wie gelangweilt be­klatschte, gefolgt von Millionen staunender Kleingeister.

Eigentliche, eigene Vision sucht man vergebens. Das 20. Jahrhundert hat bis weit ins 21. Jahrhundert keine eigene Farbe, keine Tiefe, man erkennt darin kein existentielles Muster. Seine Künstler und Denker gleichen leeren, farbig bedruckten Hüllen, sie ähneln tönenden Überschriften, ihre Heimat ist die Werbung. Mehr war wohl auch nicht möglich, denn wer zwischen Mühlsteinen wohnt, kann sich nur ganz am Rande als Korn erleben, das  vorwiegend Erinnerung ist. Wer zwischen Mühlsteinen wohnt, wird vor allem zu Mehl: daraus man Brot bäckt.

So kommt es, dass die gefeierten Künstler und Denker des 20. Jahrhunderts bloß verzehrt und verdaut wurden, ohne den Geist oder die Seele zukünftig zu ernähren. Mehr als zivilisatorische Speckröllchen haben sie nicht hinterlassen.

Gedanke der Woche: 23. September 2020

Bis zur industriellen Revolution ist der Mensch den Dingen hinterhergelaufen, von da an liefen sie ihm hinterher, indem der Umgang mit der Materie ihr Verstehen überholte. Das zwingt uns bis heute ein immer höheres Tempo auf, mit der Folge, dass extrem dichte Räume entstanden und entstehen. In Einzelfällen gab es so etwas natürlich auch vorher. Die inzwischen eingetretene Totalität der Verhältnisse gibt jedoch den Ausschlag und führt zu totalitären Verhältnissen. Deshalb wird eine weitere Revolution – diesmal von innen – folgen müssen. Vermutlich wird es eher eine Art geistiger Umkehr sein, von spiritueller Dominanz getragen, darin dem Mittelalter näher als der Moderne: und doch und nur so neue Freiheitlichkeit ausprägend und dem Strom der erzeugten Güter tieferen Sinn gebend.

Gedanke der Woche: 16. September 2020

Die Welt lebt nicht nur ökonomisch auf Kredit, sondern auch wissenschaftlich. Die Ergebnisse des Denkens der letzten einhundert Jahre sind unausgereift wie ein Juli-Apfel, fast nichts ist ausgeforscht oder zuende gedacht, sondern meist nur praktikabel zurechtgelegt und auf Anwendung bedacht. Sollte die Geldblase platzen, sind die Folgen klar. In begrenztem Umfang würde man Basiswirtschaft betreiben müssen, also Tauschhandel und Faust­recht praktizieren. Die Folgen eines wissenschaftlichen Bankrotts würden noch schwerer wiegen. Die Welt müsste zurückkehren zu grundlegendem Denken. Das aber hat kaum jemand wirklich gelernt. Die Parallele zum Faustrecht bestünde daher im Irrsinn. Beide kündigen sich massiv an.

Gedanke der Woche: 8. September 2020

Kapitalismuskritik? Ihr Fehler liegt darin, dass sie das Transzendente allen Handelns nicht begreift bzw. keiner höheren Dialektik fähig ist. Indem also in ihr vorderhand die geistigen Stützpfeiler des bürgerlichen Zeitalters ausgeblendet werden, ergibt sich nachgerade eine höchst fragwürdige Bilanz, die rein im Tatsächlichen wurzelt und bar jeder Dynamik ist – aber imgrunde nur die niedere Dialektik jener Kritik widerspiegelt. Die Metaphysik des kapitalisierten  und kapitalisierenden Bürgertums, kurzgesagt des Handels, reicht jedoch weit darüber hinaus und transzendiert sich im nachbürgerlichen Zeitalter über den Konsum zur seelischen Wahrnehmung alles Materiellen. Das Trinken von Coca-Cola ist demnach ein proto-reli­giöser Akt, eingebettet in eine Liturgie des Bewusstwerdens.

Gedanke der Woche: 2. September 2020

Die westliche Zivilisation, predigt man, habe die Seele des Menschen zerstört! Wo sie hingelange, zerfalle die menschliche Seele, samt aller Natur, zu Staub und Asche… Nichts könnte falscher sein. Die westliche Zivilisation hat der Seele des Menschen  und der Natur unendliche Räume eröffnet. Und es dämmert bereits eine neue Seele herauf, die neuen Räume auch zu betreten, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Genau das macht den Predigern Angst, die im Licht neuer Erkenntnisse und Seelenhelle ihre altertümliche Macht einzubüßen drohen. Ihre Angst vor einer neuen Welt windet sich in Verfluchungen und Theoremen, um die höhere Natur des Menschen zu zerstören.

Gedanke der Woche: 26. August 2020

Alles Gegenständliche ist nur ein Beispiel: Wer einen bildhaften Gedanken verfolgt, braucht sich nur umzuschauen; rasch trifft er auf den dazu passenden, konkreten Bildausdruck in seiner nächsten Umgebung. Warum? Weil…

a) das Denken in Bildern eine innere Anverwandlung an die Umgebungsbilder mit sich bringt und es sich an ihnen orientiert; des weiteren weil…

b) jedem Gegenstand, sei er lebend, handgemacht oder natürlich, mehr als nur ein Formprinzip innewohnt: letztlich sogar inkarniert jeder Gegenstand jede denkbare bildnerische Ausformung, die daher immer und überall entdeckt werden kann. Und vor allem weil…

c) alles Bildhafte selber ein Bild ist – weshalb sich der einmal betretende, bildhafte Raum ständig in sich selbst wiederholt und niemals verlassen werden kann, sodass…

d) sich das Bild vom Urknall und der ewigen Ausdehnung und Kontraktion des Alls als völlig sinnlos erweist bzw. nur als bildhafte Begrenztheit eines spezifischen Denkens zu werten ist.

(B)Logbuch 26. August 2020 Der Geist ist aus der Flasche – und jetzt?

Die große Frage all jener, die mit den immer derberen Verwerfungen der Gegenwart hadern, lautet: Wie bekommt man den (Un-)Geist, der aus der Flasche gefahren ist, in sein Gefäß zurück? Und, falls das nicht geht, was kann man sonst tun, wie verhält man sich dazu? Um darauf eine Antwort zu geben, muss man sich zunächst die Gesamtlage verdeutlichen. Und sich bewusst werden, dass der auf uns zurollende grün-sozialistische Tsunami seine enorme Kraft aus einer Art höherer Notwendigkeit schöpft! Denn der Ursprung der aufgeheizten, umstürzlerischen Ideen schreibt sich von viel weiter her, als man zunächst meint.

Lehnt man sich historisch ein wenig zurück, wird man sehen, dass wir am Ende einer langen, freiheitlichen Epoche stehen: der Aufklärung. Die peinvollen Denkmuster und zunehmenden Freiheitsbeschneidungen sind dafür beileibe nicht der Grund, sondern allenfalls ein Symptom. Würden die grün-sozialistischen Weltbeglücker uns jetzt nicht ihren Willen aufzwingen, wären wir nämlich kaum freier. Denn der große Feind der Weltbeglücker, den sie mit allen Mitteln zu bekämpfen trachten, also Industrialismus und Kapitalismus, baut auf denselben Prinzipien auf wie ihre eigene.

Beide fußen auf einer Weltsicht, die den Menschen als Menge vermeintlicher Individuen begreift, als verfügbare, lenkbare Masse, und ihn bloß als Arbeitstier und Rädchen braucht, ohne höhere Einsicht, ohne eigenen Willen, befähigt allein zum Kaufen oder Funktionieren.  Der Grund dafür liegt darin, dass beide, Industrialismus und Sozialismus, von einer materialistischen Denkungsart getragen sind und die Welt und somit auch das Individuum als rein stoffliche Realität behandeln mit nichts als stofflichen Bedürfnissen.

Der einzige, nicht ganz unwesentliche, Unterschied besteht darin, dass der Industrialismus in seinen diversen Spielarten zwar stets mehr Wohlstand hervorgebracht hat als sein armer Bruder, der Sozialismus, aber deshalb noch lange kein Freund echter individueller Freiheit war und ist. In Wahrheit agiert der Industrialismus völlig wertfrei, er definiert sich allein über Mengen und Margen und kennt im Prinzip nur die Freiheit, profitabel zu wirtschaften, während der pralle Wertekanon des Sozialismus reine Augenwischerei ist; er lehnt jegliche Wertvorstellung außer der eigenen scharf ab. Beide, und das ist vielleicht das wichtigste, sind blind für die kollektivistischen Verheerungen, die aus ihnen resultieren.

Die brüderlichen Weltanschauungen gleichen sich in ihrer unfreiheitlichen Denkweise jedenfalls wie ein Streichholz dem anderen – und sind auch beide geeignet, die Welt anzuzünden. Sie denken zutiefst dialektisch und sind rein auf Massenprozesse hin orientiert. Insofern ist es im letzten auch egal, ob man im Sozialismus seiner Menschenwürde und individuellen Freiheit beraubt wird, die man im Kapitalismus als Konsument zunehmend schein-individueller Produkte schon nicht mehr richtig besaß.

Denn in beiden Welten genießt der einzelne Mensch ungefähr das Ansehen einer Amöbe. Und früher oder später zerstören sie damit eben beide unsere Welt: entweder im gesichtslos machenden Überkonsum oder in der Gesichtslosigkeit umfassender Konsumverbote. So gesehen unterscheidet den Hungertod im Gulag im Endeffekt nur wenig vom Herzinfarkt in billigem Saus und Braus. 1984 oder schöne neue Welt, Huxley oder Orwell!

Um auf unser eigentliches Thema zurückzukommen: Im Moment sieht es sehr nach einer Zukunft im Gulag aus, doch der auf uns zurollende Tsunami bezieht seine Kraft auch daher, dass uns die industrielle Bruderwelt schon an den Rand unserer Möglichkeiten gebracht hat, indem das große Zeitalter der Aufklärung zu ihren epochalen Entdeckungen und Entwicklungen vor allem wissenschaftlicher Natur keinen nennenswerten weiteren Aspekt hinzuzufügen vermochte. Alles, das aufklärerisch von Belang war und ist, selbst die Universalität der Menschenrechte, ist in eine mechanistische, atomistische Weltauffassung gemündet. Ihr Signum und zugleich höchste Hervorbringung ist die Atomkraft, die grün-sozialistisch allein deshalb bekämpft wird, weil man damit den Bruder schwächen kann.

Das weiterführende, geistige Potential der Aufklärung wirkt jedenfalls erschöpft. Nach ca. 500 Jahren wissenschaftlicher Blüte und enormer Prosperität stellt sich die Wissenschaft auf einmal in den Dienst unfreiheitlicher Tendenzen und fesselt sich damit selbst. Doch scheint der rationale Impuls, scheint das Denken in noch so komplexen linearen Ketten von Ursachen und Wirkungen die Unfreiheit auch aus sich selbst heraus zu befördern. Der Aufklärung fällt augenscheinlich nichts mehr ein, das neue Dynamik entfachen würde, in ihrer Endzeit dominieren gelebte Einförmigkeit, geistige Enge und jede Menge Verbote. 

Dagegen aufzustehen oder nur aufzubegehren, ist ehrenvoll, mutig – aber im Letzten sinnlos. Es braucht schon mehr als eine ablehnende Haltung, um wirklich etwas zu bewirken, um Freiheiten zu bewahren oder neue zu eröffnen. Es braucht eine neue, zündende Idee, die den vielen Ratlosen und in ihrer Beengtheit Dahinvegetierenden frischen Lebensmut einflößt, die sie aus ihrer Ergebenheit aufweckt und ihnen ein Ziel vor Augen stellt, das sie aus tiefer Sehnsucht  und in starker Zuversicht zu ihrer Gewissheit erheben.

Es braucht also eine neue Sinngebung, die dem unfassbaren schöpferischen Potential des Menschen Rechnung trägt und ihm die Angst nimmt, durch sein eigenes Tun und Lassen die Welt zu zerstören. Denn davon profitieren die Weltbeglücker: geschürte Angst ist der Wetzstein, auf dem sie ihre Messer schärfen, ähnlich der Gottesfurcht früherer Zeiten.

Wenn wir als Menschen erkennen, dass unsere Möglichkeiten weit jenseits der Prediger liegen, die uns Gottesfurcht lehren, und weit jenseits der Beglücker, die Umweltängste schüren, wenn wir uns also über die Zeloten der Gegenwart erheben und unser eigenes Potential ausschöpfen, werden wir ein neues Zeitalter betreten, das von völlig neuen Einsichten in die Natur der Materie, des Weltalls und unserer selbst geprägt sein wird.

Gedanke der Woche: 19. August 2020

Kapitalisten sind weder besonders böse, noch besonders gerissen, noch extrem schlau – das sind sie manchmal auch. Hauptsächlich sind sie engherzige Kleinbürger und so beschränkt wie alle, die das nicht sehen: darin den Kommunisten seelenverwandt.