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Alexander Hans Gusovius Posts

Lyrische Orientierung – 10. Mai 2022

 

Nautik

 

Im arglistigen Sog des Komplotts

Verhaspele nicht den Faden,

Der die Untiefen des Lebens

Kartiert, stets dir Gewissheit verlieh.

 

Was du bist, stirbt sonst vereinsamt,

Bilder verriegelnd, Töne verhauchend,

Gefühle verkrümmend zu kalten,

Trügerisch wehen Momenten.

 

Jenen zitternden Kompass des Seins

Darfst niemals du missen. Denn

Was fassbar noch bleibt, wenn selbst

Träume verwehen, ist darin

 

Geborgen. Er allein weist den

Weg dir zurück in die neue

Mitte der Welt, ins blind schon

Gesehene, taubstumm zu sagende

 

Ungewisse Gewisse, in die

Chance des Elends, die Hoffnung,

Ins Quadrat neuer Rundung,

Zu dir selbst, Verhehltes zu sichten,

 

Ahnung zu härten, dass dir

Wohl wieder werde und weise du

Neue Erinnerung blütest:

Schöpfend dir Leben aus ewigem Quell.

 

© 2022 alexander hans gusovius

Zum 250. Geburtstag von Novalis – 2. Mai 2022

 

 

Die letzte blaue Blume

 

 Im vollen Tageslicht,

Wenn hellster Sonnenschein mir Glück verspricht,

Seh ich noch manches Mal die letzte blaue Blume stehn.

Es fällt mir schwer, an ihr vorbei zu gehn.

 

Wie oft hab ich die zarte Blume mir gepflückt!

Und jedesmal hat mich ihr blauer Schein verzückt.

 

Wenn Lieder klingen,

Und froh mein Herz mit euch im Takte schlägt,

Wenn sich in mir die Liebe aller Menschen regt,

Dann will ich euch die blaue Blume bringen.

 

Wie gern hab ich die blaue Blume euch gepflückt!

Wie selten hat ihr zarter Schein euch noch verzückt!

 

Im Sommerregen,

Wenn ich mein letztes Blatt hab liegen lassen,

Und in verwaschner Schrift uns Wort und Sinn verblassen,

Erkennt ihr einst der Blume Segen.

 

Und habt die letzte blaue Blume dann gepflückt!

Dann fühl ich mich besonnt, gesegnet und beglückt…

 

 

© 1988 alexander hans gusovius

Lyrisches Grübeln – 26. April 2022

 

 

Alles klar

 

Wenn erst Atomraketen fliegen,

Ist es vorbei mit Kriegen,

Mit Frieden auch und mit Gewalt:

In jeglicher Gestalt.

 

Sollen wir deshalb Schierling nehmen?

Oder zum Aufstand uns bequemen,

Eh wir im schieren Feuersturm

Verglühen wie ein Wurm?

 

Freunde der Nacht, das will ich meinen,

Fasst guten Mut! Lasst ab vom Greinen,

Schlagt Hydra alle Schlangenköpfe ab,

Ihr sehnt euch denn ins Grab!

 

Hab ich mich deutlich ausgedrückt,

Den Kopf euch hart zurechtgerückt?

Nein? Große Zukunft wär gerichtet,

Wenn wir die Dämonie vernichtet.

 

Indes, ihr träumt entrückte Träume!

Wandelt verzückt durch Friedensräume,

In denen ihr, geschmäht, verhöhnt,

Euch mit der Dämonie versöhnt.

 

© 2022 alexander hans gusovius

Notizen nach Ostern – 19. April 2022

Bei allem, was wir derzeit erleben, spielt die gleichzeitige Auflösung dreier sich durchdringender, epochaler Umstände die entscheidende Rolle. Erstens geht die Neuzeit unwiderruflich zuende, ihr aufklärerischer Impuls versiegt und versagt zusehends. Zweitens ist die Weltnachkriegszeit an ihr Ende gelangt, deren hoher Friedenswille aufgrund konkreter, ins Monströse ragender Schreckens- und Gewalterlebnisse nicht mehr existiert. Drittens verweht die letzte religiöse Gestimmtheit bürgerlicher Provenienz, sie weicht einem übermoralisch aufgeladenen Nihilismus, der die einstige Verankerung in emotional nachvollziehbaren, die Individuen stabilisierenden Wertegefügen durch hysterischen Massengehorsam zu ersetzen sucht.

Diese dreifache Auflösung als zerstörerischer, suizidärer Impuls tritt uns im ikonischen Bild der propagandistisch geschulten, kriegsbereiten Ökosozialistin entgegen. Die zugehörigen Geschehnisse jedoch muten an wie Szenen eines grotesk-erhabenen Theaterstücks à la „Ubu Roi“ von Alfred Jarry. Sie präsentieren uns unter anderem die faktische, lang überfällige Auflösung des alten Rechts/Links-Schemas. Es war nie so recht vorstellbar, wie dieses überdehnte Muster einmal verschwinden könnte, jetzt sind wir live dabei, und es ist ein Vorgang voll radikaler Sinnlosigkeit und triebhaftem Wahn. Zurzeit befinden wir uns nämlich in jener Phase der Auflösung, inmitten jenes Schwundes von Verlässlichem, Vernünftigem und Bewährtem, in dem zunehmend das Chaos regiert. Wohin die Reise wirklich geht, ist nicht zu erkennen, und es wird wohl eine zerstörerische Weile dauern, bis hier einigermaßen Klarheit entsteht.

Solange also sind Chaos und Destruktion federführend, beinahe um jeden Preis, und das betrifft auch das handelnde Personal. Die heutigen Entscheider sind nicht diejenigen, die in der Zeit danach die Fäden in der Hand halten werden. Die derzeitige Führungsclique, die aus einer unheiligen Verquickung von Wirtschaft und Politik resultiert, stellt vielmehr eine Versammlung historischer Komparsen dar, die abzutreten haben, sobald sie ihre fanatische Selbstüberschätzung ausgelebt und den destruktiven Auftrag erledigt haben. Das betrifft im Übrigen auch den „great reset“ mitsamt seinen Protagonisten, deren schwüle Pläne nicht aufgehen werden, weil das angerichtete Chaos, das sie zu beherrschen glauben, sie mit in den Abgrund ziehen wird.

Viele Kräfte, darunter die zuletzt Genannten, aber auch Spiritisten, Materialisten Sektenführer und Dialektiker jeglicher Couleur, sowie die auf neue Imperien abzielenden russischen, türkischen oder chinesischen Träumer zerren nach Kräften am siechenden Kadaver der alten Epochen und sind doch alle zu mehr nicht berufen als dazu, das Chaos zu mehren, ohne das keine große Epoche zuende gehen kann. Sie sind nichts als Totengräber und Hampelmänner, bei aller Grausamkeit und Gewalt. Der Schrecken, der von ihnen ausgeht, ist real. Ihre Pläne aber sind null und nichtig. Vorne und hinten fehlt es ihnen am Wissen um die wahre Auferstehung der Zeit. Konzentrieren wir uns darauf.

 

© 2022 alexander hans gusovius

Lyrisches Eröffnen – 12. April 2022

 

Eintritt

 

Ich wollte manche Reise tun,

Mir ferne Weiten zu erobern.

Ans Tor der Zukunft klopfend,

War Vergangenheit mein Ziel,

Zu fliehen toter Gegenwart.

 

Du bahntest, meinem Sehnen nah,

Lang nur geahnten Weg, zur Füllung

Und Steigerung im Jetzt, dass länger ich

Wahnhaft der Zukunft mich nicht nähere,

Sondern der Stund und Ewigkeiten willen,

 

Mit Mut, der anfangs mir gefehlt,

Mich dir und ihr anheimzugeben.

War ich einst irr ans Tor getreten,

Passierten wir‘s nun wohl sortiert,

Wissend, dass wir der Welt den Rücken

 

Kehrten. Wohlan denn, kühne Braut!

Die Reise hat begonnen, günstig Zeit

Hält uns umfangen, daß wir schweben,

Innig vermählt in ihr und uns.

Nur kleiner Schritt trennt uns von Gott.

 

 

© 2022 alexander hans gusovius

Lyrischer Totentanz – 05.04.2022

Halloween

 

Hinter zerschlissenen Gardinen

Tanzt selbstverliebt die alte Welt,

Die von der Gegenwart nichts hält.

Nun will sie neuen Zeiten dienen.

 

Die sollen strengstens sich entfalten,

Zerstören Heimat, Herz und Hirn,

Auf daß der alten Welt fiebernde Stirn

Sich kühlt, während fünf Schandgestalten

 

Die heikle Drecksarbeit bestreiten:

Hass, Häme, Herrschsucht, Hunger, Hohn

Heißen die fünf, die immer schon

Gemetzel in die Wege leiten.

 

Die alte Welt geht fein soupieren,

Solang noch Blut in Strömen fließt.

Erst wenn aus Gräbern Blüte sprießt,

Will sie die neue Zeit regieren.

 

Demütig lächelnd läßt sie wissen,

Wie sie für Wohlfahrt sorgen wird:

Sanft wie ein Lamm, hilfreich als Hirt!

Niemand soll das Geringste missen.

 

Noch mehr sei gnadenreich in Planung:

So winket Eintracht immerdar,

Heiliger Weltenfriede gar,

Gewalt bloß Abweichlern, zur Mahnung,

 

Daß sie das Heil der Welt nicht stören,

Noch die Gesundheit der Natur!

Was künftig wächst in Wald und Flur

Darf der Gemeinschaft nur gehören.

 

Und jenen, die sozial ergeben

Die Welt zur Harmonie geführt!

Solch planetarem Heldenmut gebührt

Das Eigentum an allem Leben…

 

copyright 2022 alexander hans gusovius

Lyrische Trauer – 29. März 2022

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Frühlingslust

 

Was soll jetzt Frühjahr mir bedeuten,

Von Totenglöckchen einzuläuten?

Friert nicht mein Seel, wenn es gleich taut,

Bei leichenbittrer Gänsehaut?

 

Arg Grausen wäre zu verwinden

Und wenig Lebenslust zu finden…

Polternd und säumig schlägt mein Herz,

Der Blick geht flehend himmelwärts:

 

Verlacht, belogen und betrogen,

Ward Blut mir sattsam ausgesogen.

Wie könnt ich feiern, ungerührt,

Da man zum Narren mich gekürt?

 

Geb jeder acht, daß er nicht schwärmend

Falsch Frühling folge, der ihn lärmend,

Eisheilig lockend, hart bedrängt,

Ins woke Kettenhemd einzwängt!

 

Eh sich die Zeiten nicht neu erden,

Soll mir kein froher Tag mehr werden.

Dies Kettenhemd sei nimmer mein,

Sein Rost und Satan will ich sein.

 

Es wird einst ander Frühjahr blühen,

Und frohes Herz in Freisinn glühen,

Dann geht sie auf, die frische Saat,

Die falschem Frühling widerstaht.

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(In memoriam Enno Samp)

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© 2022 alexander hans gusovius

Lyrischer Aufruf – 22. März 2022

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Wollt nur

  

Das große Unbehagen

Muss itzt an jedem nagen,

Der sich die Welt beschaut.

 

Was gibt es noch zu fragen?

Viel Elend, Not und Plagen

Hat man uns anvertraut.

 

Es geht in diesen Tagen,

Uns grausam an den Kragen,

Hein Tod schmückt schon die Braut!

 

Wollten wir nur nicht zagen!

Besser, zurückzuschlagen,

Es wächst hier kein gut Kraut.

 

Wollt Missetäter jagen,

Solang noch Nächte tagen,

Liegt nicht auf fauler Haut!

 

Lasst dann den Schuldspruch wagen,

Und ahnden alle Klagen,

Eh noch der Morgen graut.

 

Gebete wollt laut sagen!

Wo Galgenbäume ragen,

Uns fahl der Himmel blaut.

 

© 2022 alexander hans gusovius

Lyrisches Echo – 15. März 2022

 

 

Dimensionen

 

Fühlen und Denken,

Glauben und Wissen,

In eins setzen.

 

Lauschen und Ahnen,

Wort und Gehalt,

Zukunft erinnern.

 

Sehen und Hören,

Schönheit und Klang,

Seelen ausloten.

 

Lichthell und Dunkel,

Farbe im Auge,

Räume ermessen.

 

Bauplan und Wesen,

Entwurf und Gestalt,

In sich vereinen.

 

Wachen und Tasten,

Schweigen der Steine,

Schwingung erfassen.

 

Weite und Höhe,

Tiefe und Nähe

Des ewig Menschlichen.

 

Hüten und Schützen,

Bergen und Wahren,

Das ewig Heilige.

 

 

© 2022 alexander hans gusovius