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Alexander Hans Gusovius Posts

Gedicht der Woche – 30. Sendung

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Die Angst der Schafe

Wo immer wir uns zeigten, war kein Platz.
Vielleicht am Rande? Doch auch dort
War Enge nur und ängstliches Geblöke
Der Schafe, die den Wolf nicht fürchteten,
Sondern verehrten voller Angst um sich.

Auch wir versuchten oft, den letzten Platz
Uns zu gewinnen. Doch der Anblick
Der Schafe ließ uns zögern. Zu wenig galt uns,
Was dergestalt umkämpft und letztlich
Auch unter uns nur Kampf bedeutet hätte.

Drum Kampf dem Wolf! Bevor wir den begehrten Platz
Eroberten gegen die Schar der Schafe, und danach
Den Sieger unter uns gefunden hätten, war der Wolf
Vielleicht schon lang besiegt! Und war er nicht
Der Grund, des Wirkung es zu töten galt?

Wir suchten ihn und fanden nicht den Wolf,
Trotz aller Worte, die um ihn gemacht, trotz
Aller Angst, die sich deshalb als Angst der
Schafe vor sich selbst erzeigte. Es gab ihn nicht.
Der Wolf war tot.

Wir fanden wohl ein ältres Mutterschaf, das
Sprach uns von vergangner Zeit, da einst
Der Wolf verstarb – und es bedurfte
Des Zutuns nicht und nicht des Kampfes.
Milde, vergeistigt war der Wolf entschlafen.

Dann Angst der Schafe um sich selbst? „Ach ja!“
Seufzte das Mutterschaf und zitterte sogleich,
Die Brust war zugeschnürt in Angst – es wollte
Da nichts mehr sagen. Nur ein letzter Blick
Aus halbgeschlossenen Lidern ließ uns ahnen,

Wie groß die Angst war. Aber dann: ein Blitzen, Flackern
Von Augen, die uns scheinbar sanft umfangen hielten,
Ein heisres Knurren aus der alten Kehle – doch kein
Wolf war das, ein altes böses Schaf. Wir
Wandten uns schaudernd um, und nun verstanden wir.

Das große Feld mit all den ungezählten Schafen,
Das uns ein Bild war ungeordneter Natur,
War, Schaf an Schaf, wie ein Magnetfeld anzusehen,
Konzentrisch drohend ausgerichtet Nord und Süd,
Zwei Kreise um uns und das Mutterschaf im Zentrum.

Fast tat der Wolf uns später leid, von dem zurecht
Zwar übel man gesprochen, der jedoch in alter Zeit
Um diese grauenhafte Angst der Schafe wissen musste.
Der Tätigste von uns schlug drauf dem alten Mutterschaf
Den Schädel ein. Ich rief, so laut ich es vermochte:

„Der Wolf ist tot! Die Angst der Schafe gilt sich selbst!“
Da brach die Ordnung, fielen Schafe, wankten, bissen
Sich manche gegenseitig tot – doch kurz, kurz war
Die Wirkung seiner Tat und meines Rufs. Mit knapper Not
Erreichten wir den Rand des Feldes ungeschoren.

Gleich nahmen junge Tiere toter Tiere Plätze ein und
Fraßen die Kadaver. Bald grasten Leib an Leib wie vordem
Ruhig Schafe – und es entbrannte dort am Rand ein kleiner
Streit um einen schmalen Platz. Wir sahen es voll Ekel
Und gingen fort, der Wahrheit eingedenk.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

Gedicht der Woche – 29. Sendung

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Teilhabe

Harrende Wächter der inneren Zeit
Sind wir. Und außen treibt blutig ihr
Zeitung hervor, die wir betroffen,
Immer ein Auge auf euch und den
Hass, im Außen einfrieden.
Wissend, dass nur im klugen
Bewachen und Wahren
Innerer Zeit
Die Kräfte sich sammeln.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

(B)LOGBUCH, 23. Juli 2020

Die Anspannung im Land nimmt stetig zu. Die täglichen Gewalttaten, ob religiös, politisch oder individuell motiviert, die finanzwirtschaftlichen Abenteuer der Regierenden, ihre utopischen Leitlinien, die Vertuschung der wirklichen Lage durch die Medien, die psychische Gewalt der Denkverbote, die Nötigung durch Sprachregelungen, die flagrante Relativierung freiheitlichen Empfindens und Handelns, das Wuchern simpelster Weltentwürfe, die Schmähung Andersdenkender inkl. der leichtfüßigen Diagnose psychischer Erkrankungen: dies alles und noch viel mehr bleibt nicht ohne Folgen und erschüttert das Gemeinwesen in den Grundfesten. Und es tun beinahe alle daran mit; fast jeder schimpft, mault, flucht, duckt sich weg oder intrigiert nach Kräften und hält sich dabei vor allem für klüger – und versucht doch nur, gerissener zu sein.

In der Folge steigt die gesellschaftliche Fieberkurve permanent an. Das Glück des Einzelnen schwindet als Wert, Individuen haben kaum mehr als statistisch Belang, die kollektivistischen Heilslehren haben Konjunktur. Es fehlt überall an ethischer Orientierung, was zu moralischem Extremismus führt. Im ansteigenden Fieberwahn verschwimmen die Bilder, die Fata Morgana wird zum Normalfall und zum Bezugspunkt gesellschaftlichen Handelns und Sehnens.

Die Aussichtslosigkeit solcher Phasenverschiebung hin zum Irrealen, geprägt von emotionalen, scheinintellektuellen Grabenkämpfen,und die zwingend destruktive Grundausrichtung solchen Tuns und Trachtens sollten unschwer zu erkennen sein. Sind sie aber nicht, im Gegenteil: der muntere Kahlschlag fesselt und unterhält, solange die Folgen noch keine größeren Schmerzen zufügen. Es ist wie mitten im Suff, wenn der Alkohol in Strömen fließt und das triste Erwachen noch fern scheint.

Suff und gesellschaftlicher Fieberwahn haben vieles gemeinsam. Und wie im Suff zwischen gelalltem Unsinn hier und da eine visionäre Wahrheit durchschimmert, verhält es sich auch hier: Das meiste von all dem, das gerade in Massen geredet und geschrieben wird, ist leer und hohl und ein Spiegel verwüsteter Seelenlandschaften.

Das wird alles noch zunehmen, machen wir uns nichts vor. Der Korken ist aus der Flasche, das wütende Fest dauert fort – und es wird schwer werden, die Flasche nochmal zu verstöpseln. Wahrscheinlicher ist es, dass sie zerbricht. Das unermessliche Leid, das im Raum steht, kümmert die Wütenden nicht. Sie fühlen sich als gerechte Krieger ihrer Sache, als Heilsbringer, und sind ebenso eitel und verlogen wie ihre roten und braunen Kollegen der Vergangenheit, die auch nur das blanke Verderben in die Welt trugen.

Gedicht der Woche – 28. Sendung

 

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Die neue Frau

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Augen seltsam hell,
Aufgeweckt und blind,
Augen, die nicht weinen,
Auch wenn Tränen darin sind.


Blicke ohne Wehmut,
Blass ihr Augenrand,
Blicke, launisch ausgesendet,
Bleiben unerkannt.


Jetzt schaut sie her zu mir:
Und sieht mich scheinbar wirklich an.
Mich überlaufen niedrig kalte Schauer,
Weil sie mich dennoch sehen kann.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

 

Gedicht der Woche – 27. Sendung

 

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Hexenjagd

Hängt sie auf
An den Galgen!
Peitscht sie aus
Nichts vergessen!
Lange war
Eure Zeit,
Aber jetzt
Seid ihr dran!
Wolltet uns
Glauben machen?
Lange hassen
Wir euch schon!
Heute dann
Unsere Zeit –
Endlich ist es soweit,
Blutig rot
Hexenjagd Hexenjagd
Hexentod!

 

copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

Gedicht der Woche – 25. Sendung

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Die Mutter

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Das heilige Gefühl, das vor dem Kind
Die Mutter fasst, ist schauendes Erbeben,
Ist Lieben, wo für Liebe Grenzen sind
Vor Ich-geborenem, vor Ich-geweihtem Leben.

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Sie zittert seines Blicks: durch ihn beginnt
Ein Mensch, den sie der Welt gegeben.
Ein kurzer Aufschlag seiner Augenlider
Spiegelt das Menschsein aller Zeiten wider!

Das wöchentliche Gedicht – 24. Sendung

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Meiner Liebe

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Ich bin dir treu, bin jetzt dir treu und morgen,
Ich war dir gestern treu, war treu dir alle Zeit,
Denn hinter aller Sehnsucht, allem Leid warst du verborgen,
Warst wunderbar in Schmerz und Freuden eingeweiht.

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Und hätt’ ich damals nicht gewusst, in sanftem Ahnen,
Wie sehr mein Leben deinem Leben angehört,
Ich hätte elend mich verloren, meine Lebensbahnen
Für heut und morgen – auf immer mir zerstört.

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So hat ein tiefer Sinn uns Ewigkeit gegeben,
Uns zugesandt einander, planvoll anvertraut,
Hat dich und mich vereinigt für ein Leben,
In dem wir über aller Zeit uns liebend angeschaut.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

Das wöchentliche Gedicht – 23. Sendung

Mahnung

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Wisse Bürgerin, wisse Bürger, dass du noch immer

Voll bist des Hasses. Nicht hast du dich selbst,

Nicht Grund und Folge unserer Taten erfasst. Nicht

Bist du frei, erlöst gar vom Mord. Denn immer noch gären

Wut und Trauer, quillt aus dem schwärzlichem Schlot

Deiner Feigheit Rauch; genährt ist das Feuer

In dir durch Missgunst, Habgier und Neid. Sprich nicht

Von Trauer und Wut, wo lodernder Hass ist.

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Weißt du nicht, Bürgerin, Bürger, weißt nicht

Wer deine Väter und Mütter einst waren? Zwar

Voll des Hasses, wissen wir jetzt. Aber

Weißt du genau, wie sie fühlten? Weißt, dass sie

Gesundheit verlangten, Freiheit vom bösen

Aussauger natürlicher, volksguter Kraft?

Weißt, dass da Hass und Eigenliebe sich paarten?

Und Kindern eine bessere Welt offenstehn sollte?

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Wisse Bürgerin, wisse Bürger:Der Tod der Juden

Ist ungesühnt, muss ungesühnt bleiben. Nicht kann

Vergeben, ja gesühnt werden, wenn der Täter noch hasst.

Und glaube mir, Bürgerin, Bürger: Er hasst in dir fort.

Immer noch gierst du wie damals, im Nachbarn

Den Schädling, den Verschmutzer zu finden. Beseitigen

Willst du wie damals, vernichten! Im Namen kranker

Natur sprichst du heute, rechtfertigend neue Gewalt.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius

Das wöchentliche Gedicht – 22. Sendung

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Gesang der Gewissheit

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Stark stand im Brodem des Sturmes Gewissheit

Die ja dem Sturme nicht wich.

Nicht aber mochte dem Sturm sie sich sagen

Galt sich nur selbst und klärte die Antwort, die Frage.

Reichte hinab zu sich selbst

Einsam im Auge des Sturms.

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Nicht aber mochte dem Sturm sie sich sagen:

Orgeln und Pfeifen war tosend Gestumm!

Über dem Windbraus der heulende Atem des Sturms

Brach ihre Stimme, die tief sich erfrug;

Eben erst Weile zu sprechen und

 Ruhe und Halt.

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Die ja dem Sturme nicht wich!

Denn im Auge des Sturms

Wurde sie wahr dann:

Hier sich erklärend, dort hinab sich erlangend

Stimme einsam des Sturms und sprechende Frage zu sein:

Gesellige Antwort sich selbst als Gesang der Gewissheit.

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copyright 2020 Alexander Hans Gusovius