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Das Individuum ist’s!

Gott und Zufall haben ausgedient, wir erschaffen uns besser selbst

Neues Denken ist die willkommene Grundlage jeder substantiellen Innovation – sollte man meinen. Leider jedoch stiften Innovationen auf der Grundlage neuen Denkens fast immer Misstrauen, Panik, Ablehnung, Sanktionen, Streit. Wer neu denkt, muss damit rechnen, in vielerlei Konflikte zu geraten. Innovatives Denken und Handeln bleiben deshalb echte Pionierleistungen, Lebensentwürfe abseits von Sicherheit und Geborgenheit.

Damit verhält es sich nicht anders als in früheren Zeiten. Darwin bekam, wie vor ihm Galilei, den Druck der mächtigen Kirche zu spüren, als er die Galilei‘sche Relativierung der kosmischen Mitte der Menschheit um die Relativierung ihrer biologischen Sonderstellung ergänzte. Seine Abstammungslehre und das wissenschaftliche Prinzip von Selektion und Mutation kollidierten mit zu vielem, das man bis dahin zu denken gewillt war. Umgekehrt beeinflusste Charles Darwin, irgendwann akzeptiert, das gesamte neu­zeitliche Denken: wissenschaftlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Er wurde dadurch zu einer Art Übervater der Moderne, seine Weltsicht war und ist ein entscheidender Impulsgeber für Lehrpläne, Umweltideen und politische Programme – und schuf wichtige Voraussetzungen für das Denken und Wirken von Marx und Freud, Keynes und Foucault, aber auch von Mao, Hitler und Stalin.

So viel Breitenstreuung lässt auf eine gewisse theoretische Beliebigkeit schließen. Zu­gleich nährt sie den Verdacht, dass die zugehörigen Denkmuster verbraucht sein könnten und ihr innovatives Überwinden ähnlich viel wünschenswerte Energie freisetzen würde wie einst ihre Begründung. Einen ersten Hinweis darauf, wieviel innovative Kraft die Überwindung der Evolutionstheorie birgt, liefert schon die Tatsache, dass ihre Hinterfragung heutzutage regelrecht sakrosankt ist; wie es sich für innovatives Den­ken gehört. Im Fall religiöser Erneuerungsphantasien, die sich meist hinter der Abkehr von Darwin verbergen, leuchtet der Bannstrahl noch ein. In der Summe verkennt man jedoch den erkenntnistheoretischen Stillstand der Darwin’schen Lehre, vor allem hinsichtlich ihrer Grundannahmen. Genau dort, im Bereich der grundlegenden Vorstellung von unserer Welt, ist Dynamik aber der entscheidende Faktor, um den ebenso umfänglichen konzeptionellen Stillstand der Gegenwart zu überwinden.

Im Kern postulierte Darwin die historische Entwicklung allen Lebens als Folge zufälliger genetischer Veränderungen, deren geeignetste (im Sinne der Bewältigung umweltbezogener Herausforderungen) zu maximal erfolgreicher Fortpflanzung führe. Einmal abgesehen davon, dass Darwin, genau wie Freud, damit der sexuellen Sphäre höchste Priorität einräumte, was unser so rationales, wissenschaftliches Zeitalter unter der Hand als reichlich triebfundiert erweist, verblüfft bei genauerem Hinsehen, dass Mensch und Tier in evolutionärer, wissenschaftlicher Sichtweise hirnlose Mutationsautomaten zu sein scheinen. Denn man paart sich aus diesem rationalen Blickwinkel ohne individuellen Sinn und Verstand und setzt als Output massenkopulativer Vorgänge Mutanten bzw. Zufallswesen in die Welt, die ihre Lebensbedingungen besser oder schlechter bewältigen und sich in der Folge genetisch wie kopulativ weiter durchsetzen oder eben unterliegen. Solange man Tiere und Menschen vorwiegend als Nutzwesen begriff, mochte die Sichtweise hingehen.

Wo aber liegt der Schnittpunkt solch Denkens mit der Diversifikation von Individualität, wie sie heute gedacht, gefühlt und gelebt wird? Wirkt auch der hoch individuelle Mensch der Gegenwart immer noch zufallsergeben genug, dass bei seiner Vermehrung kein Gran persönlicher Zielgerichtetheit denkbar ist und er sein sexuelles Verlangen mithin mehr oder minder erleidet? Und überhaupt: Aus welchem Grund wäre das Wechselprinzip Lust und genetische Vererbung in ihn eingepflanzt? In der Vormoderne fiel die Antwort nicht schwer: Gott sei der Grund, Gott habe ein vitales Interesse daran, dass alles Leben sich mehre. Die Evolutionstheorie setzte die Selbsterhaltung der Arten dagegen. Metaphysische Vitalität wurde gegen biologisch-wissenschaftliche Vitalität ausgetauscht.

Man sieht der Darwin’schen Idee von Fortpflanzung die tiefe Verbundenheit mit jener längst untergegangenen, agrokulturellen Zeit noch an, in der sie entstand. Es ist eine Idee, die praktisch orientiert und aufs Kollektiv bezogen war, in Übereinstimmung mit vielen anderen nutzorientierten Denkweisen ihrer Zeit. Dass sich die Moderne, entgegen ihren Leitideen von Vernunft, Aufklärung und Wissenschaft, damit ausgerechnet über erotisch bedingte, individuell blinde Zufälle definierte, hatte indes einen weiteren Grund. Auf diese Weise konnte sie sich markant von ihrer Vorgängerwelt abheben, die als Korrektiv für das mittelalterlich einst ungebremste, triebgesteuerte Treiben die allfällige Vernunft Gottes angesetzt hatte, zuletzt erstarrt war und keine Antworten mehr auf eine zu neuen Ufern aufbrechende Welt fand. Bemerkenswert ist dabei die vergleichsweise banale Vertauschung der Positionen. Kontrollierte zuvor Gottes Vernunft als oberste geistige Instanz die animalischen Triebe, so regulierte von nun an der animalische Fortpflanzungstrieb jene oberste geistige Instanz menschgewordener Vernunft.

In rationaler Distanz zu Gott und seinen theologischen Implikationen wurde ein teleologisches Zufallswirken sexuellen Handelns postuliert. Man muss kein Prophet sein, um die Begrenztheit, mindestens die Relativität der antagonistisch aufein­ander bezogenen Denkweisen zu begreifen. Es wird deutlich, welchem Zwang Mittelalter wie Moderne unterlagen im antagonistischen Erklären der Welt durch Sexus und Vernunft, in einem beinahe schizoiden Zweikampf erotisch-rationaler Natur und Verengung. Und es nährt den Verdacht, dass die Überwindung dieses Zwangs, die in unseren Tagen ansteht, viel innovatives Potential freisetzen könnte – egal wie viel Geborgenheit einst das Vertrauen auf Gott und wie viel technischen Fortschritt danach das wissenschaftliche Zeitalter bot.

Wenn heute die Wissenschaft selbst, etwa in der Quantenphysik, ihre Grenzen aufsprengt, liegt darin ein starker Hinweis auf die Dringlichkeit neuen kohärenten Denkens. Wenn die Wissenschaft darüber hinaus psychopathologische Alpträume wie eine menschengemachte, globale Klimakatastrophe gebiert, deren ‚Bekämpfung‘ mehr Ressourcen verschlingt als neue zu erschließen sind, ist das ein Fingerzeig mehr auf die Verbrauchtheit jahrhundertelang eingeübter Denkmuster. Immer, wenn Systeme an ihr Kraftende geraten, lösen sie sich zuerst an den Rändern auf und heben dann im Zentrum ab auf höchste Bedrohungen von außen oder innen.

Ein Weiteres: Nach Darwin sei der Mensch individuell zwar begabt, wissenschaftliche Erkenntnisse zu haben, zu forschen, zu erkennen und umzugestalten, übergreifend aber soll er gattungsgeschichtlich nur in ergebener Zeugungsmutation Veränderung erfahren können. Mittels dieser denkwürdigen Gespaltenheit begreift man den Menschen als reines Potential und leere Hülle, die durch Aufklärung, Bildung und Vernunft mit nützlichen Erkenntnissen zu füllen ist, um den einzelnen Menschen jenseits seiner Instinkte überhaupt erkenntnisfähig zu machen. Ohne Wissenschaft und Bildung wäre der Mensch also: nichts. Wie das Tier, von dem er abstammt, wäre er ohne wissenschaftliches Doping auf Triebfähigkeiten eingegrenzt. Menschliche Individualität wird mithin nur auf dem Weg bzw. Umweg wissenschaftlicher Segnungen begreifbar – die Moderne erfand den Menschen neu, machte aber aus ihm, wie einst die Kirche, eine unfreie Figur von ihren eigenen Gnaden. Das ist wissenschaftliche Hybris, der kirchlichen zum Verwechseln ähnlich.

Das Erreichen neuerlicher Grenzen, sichtbar werdend an der gegenseitigen Blockade des bislang so dynamischen Wechselspiels von Technik, Wohlstand und bürgerlicher Freiheit, ruft einen neuen Grenzübertritt auf den Plan. Er kann, um neue Dynamik zu erzeugen, nur im grundlegenden Wechsel des menschlichen Selbstverständnisses liegen. Dazu gehört, sich weder als göttlich bestimmt zu denken, noch sich als leere Hülle zu empfinden, sondern stattdessen auf ein Prinzip weitgehender Selbstbestimmung sowie eine im Menschen selbst angelegte Struktur- und Zielhaftigkeit zu setzen. Das inkludiert angesichts fehlender Bewusstseinsprozesse die konzeptionelle Aufwertung intuitiv bewussten Wahrnehmens, Seins und Handelns, einer Art instinktiver Intelligenz, wie sie das Konzept von artistic research in Ansätzen heute schon praktiziert und damit einer neuen menschlichen Standortbestimmung den Weg weist.

Der Erkenntnisbegriff für dies alles geht über den wissenschaftlich-rationalen Erkenntnisbegriff deutlich hinaus und umfasst individuelles, emotionales, situatives, in­stinktives, assoziatives, kollektives, vergangenheits- wie zukunftsbezogenes, auch tierisches und pflanzliches Erkennen, im letzten mündend in genetische Selbststeuerung. Kürzlich bekannt gewordene Laborversuche an Mäusen deuten denn auch darauf hin, dass individuelle Erfahrungen genetisch kodiert und vererbt werden können; nach einer Koppelung von Aceton-Ge­ruch und Stromschlägen bei ihren Großeltern, die zu Körperzucken bei Aceton-Geruch auch ohne Stromschläge führten, zuckten auch etliche unbelastete Mäuse-Enkel zusammen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben Aceton rochen.

Grundlage für einen solcherart erweiterten Erkenntnisbegriff ist das Postulat der vollgültigen Wahrnehmung und Wahrnehmbarkeit unserer Lebensbedingungen und Lebensumwelt – einschließlich der individuellen und genetischen Reaktionsfähigkeit darauf, so dass weder Gott noch Zufall für Fortpflanzung und spezifische genetische Veränderungen verantwortlich wären, sondern die wahrnehmenden und erkennenden, sich auch über Generationenketten hinweg selbst steuernden Lebewesen, eben die Individuen selbst. Ein solcher intrinsischer Erkenntnisbegriff würde zugleich das Darwinistische Dilemma aushebeln, die historisch erfolgten Veränderungen und Umschwünge des Lebens auf unserem Planeten in ein konsistentes Zufallsschema pressen zu müssen. Denn wie bei Milliarden täglich möglichen genetischen Mutationen seit der Entstehung allen Lebens ausgerechnet diejenigen zufällig auf den Plan treten, die sich zwar durchsetzen, aber erkennbar den Zusammenhang übergreifender Entwicklungen wahren – dieses evolutionäre Rätsel ist aus guten Gründen ungelöst geblieben und hat Werner Heisenberg, den Quantenphysiker, in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“, in kritische Distanz zu Darwin gebracht. Und zu der Anmerkung veranlasst, dass die Entstehung einer beliebigen Villensiedlung aus der Abfolge geologischer Zufälle ähnlich wahrscheinlich sei wie die Zufallsgenealogie der Pflanzen- oder Tiergattungen.

Innovatives Denken, das praktische Lösungsansätze betreiben will, wird nicht umhin kommen, bewusst oder intuitiv einem solchen intrinsischen Erkenntnisbegriff Rechnung zu tragen. Das bedeutet in organisatorischen Fragen, neue Entwicklungen dahingehend zu konzipieren, dass man der individuellen Erkenntnis- und Entscheidungspotenz weitestgehend vertraut. Nicht die Unterordnung oder Unterwerfung von Individuen bei fest fixierten Bedingungen lässt neue Unternehmungen erfolgreich sein, sondern maximal freie, individuelle Selbstgestaltung. Ziel und Zweck von Unternehmungen müssen sich nicht mehr über Abhängigkeiten und Befehlsgewalt erklären, sondern können viel fruchtbarer in einer Kombination aus Richtlinienkompetenz und Selbständigkeit operieren. Nicht das starre Schema, sondern die angemessene Reaktion auf den Fluss der Ereignisse und Herausforderungen bestimmt das Handeln. Substantielle Innovation erfordert dann vor allem individuelle Verantwortung – und lockert im Nebenschritt das enge Korsett von Gleichbehandlung und Gleichberechtigung in Schule, Staat und Gesellschaft.

In einer Welt selbständig erkennender Individuen geht die Tendenz also nicht in verordnete, einklagbare, illusorische Gleichheit, sondern in Richtung selbstgewollter, in­dividueller Rechte und Pflichten. Das bedeutet gleiche Grundrechte, aber disparate Anrechte, gleiche Voraussetzungen, aber individuell angepasste Folgewirkungen. Nicht indem man gleich viel hat, ist man passend eingebunden, sondern indem man angemessen viel will und verantwortet. Innovation kommt so ohne den Rückgriff auf Sozialneid und eindimensionale Lagebestimmungen aus und vertraut auf die Dynamik und den mehrdimensionalen Fluss allen Seins.

Philosophisch erweist sich dieser Schritt in die Zukunft als vollendeter Bruch mit den Theoremen der Vergangenheit. Anders gesagt, ist es nicht erheblich, ob der Mensch vom Affen abstammt. Das tut er zwar, aber die evolutionäre Tatsache läuft ins Leere, wenn die allgemeine biologische und auch menschliche Erkenntnisfähigkeit auf intellektuelles Reflektieren eingegrenzt wird und der früher göttliche, dann evolutionär-rationale, immer aber entselbstete Steuerungsbegriff jeweils historische Krümmung und Eintrübung erfährt.

Zur Untermauerung muss die Syntax der biologischen Selbststeuerung noch geschrieben werden. Klar ist einstweilen jedoch, dass die historische Abfolge aus metaphysisch oder evolutionär konditioniertem Erkennen viel zu kurz greift und um bewusst und unterbewusst zielgerichtete, weittragende, auch überpersönliche Erkenntnisfähigkeiten zu ergänzen ist – und Begrifflichkeiten wie ‚Strukturinstinkt‘ oder ‚intuitives Bewusstsein‘ dabei eine Rolle spielen werden. Die Zeit für einen gedanklichen Aufbruch ist jedenfalls reif, der Freiheit nicht länger ableitet oder postuliert, sondern über eine umfassende, vitale Erkenntnisfähigkeit des Individuums konstituiert.

Veröffentlicht inGedanken

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